Veranstaltungen PoB

Sommersemester 2016

Ringvorlesung: NOWhere - Nirgendwo ins Irgendwo. 14 Kommentare zu utopischem Denken

jeden Dienstag 16:40 - 18:10 Uhr im HSZ/401/H

 

5. April 2016: Die Analyse des Nirgendwo - auf der Suche nach einem tragfähigen Utopiebegriff  (Tom Handrick)

Ob in Form eines Wunsch- oder eines Schreckensbildes, als kontrafaktische Alternative menschlichen Zusammenlebens ermöglichen Utopien eine kritische Perspektive auf die jeweils realhistorisch vorherrschenden Verhältnisse, aus der heraus neuartige Impulse für verändernde Denk- und Handlungsweisen gewonnen werden können. Allerdings sind die idealtypischen Konstruktionen utopischer Gemeinwesen auch der Kritik ausgesetzt.

Vor allem wird immer wieder der Vorwurf erhoben, dass sie als rationale Entwürfe nach abstrakten Maßstäben spätestens beim Versuch ihrer Verwirklichung an ihrer Realitätsferne scheitern müssten – zum Glück, so meinen die Kritiker, denn  aufgrund ihres Anspruchs, einer allumfassend realisierten gesellschaftlichen Harmonie, wiesen sie stets totalitäre Tendenzen auf.

Im Eröffnungsvortrag soll ein Utopiekonzept vorgeschlagen werden, welches sowohl die zentralen
Einsichten aus der Utopieforschung als auch die Einwände der Kritiker ernst nimmt. Dabei stellt
sich auch die Frage nach der Aktualität utopischen Denkens.


Weiterführende Literatur:
Thomas Schölderle, Utopia und Utopie. Thomas Morus, die Geschichte der Utopie und die
Kontroverse um ihren Begriff, Baden-Baden 2011
Rolf Schwendter, Utopie. Überlegungen zu einem zeitlosen Begriff, Berlin/Amsterdam 1994
Richard Saage, Hat die politische Utopie eine Zukunft? Darmstadt 1992
Wilhelm Kamlah, Utopie, Eschatologie, Geschichtsteologie. Kritische Untersuchungen zum
Ursprung und zum futurischen Denken der Neuzeit, Mannheim 1969
Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung (Bd. 1), Frankfurt a.M. 1959
Karl Popper, Utopie und Gewalt, in: ders, Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der
wissenschaftlichen Erkenntnis, Teilband 2, übers. v. G. Albert, Tübingen 1997, S. 515-527

Audio: https://archive.org/details/HandrickAnalyseDesNirgendwo050416

 

12. April 2016: Grenzen der Utopie – Von Freuds Unbehagen zu Adornos reformistischem Maoismus (Felix Riedel)

Utopien entstanden mit der Zertrümmerung des Glaubens an die Legitimität der feudalistischen Gesellschaft. Wenn die Gegenwart falsch war und ein Paradies nicht erwartet werden konnte, musste Gesellschaft neu erfunden werden. Utopie wurde in der Folge meist mit technologischen oder mit gesellschaftlichen Revolutionen verbunden. Der Sozialismus brachte als Utopie den „neuen Mensch“ mit sich, der nach Abschaffung des Privateigentums entstehe. 
Freuds “Unbehagen in der Kultur” diagnostiziert hingegen einen unauslöschlichen Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft. Er setzt utopistischen Gesellschaftsentwürfen des Sozialismus einen skeptischen Realismus entgegen. Utopie ist allenfalls ein halbwegs gelungener Kompromiss. Jenseits der individuellen Therapie will die freudianische Psychoanalyse bestimmte gesellschaftliche Praktiken wie Kindesmisshandlung, sexuellen Missbrauch, Demütigung, Erziehung zur Scham, Beschneidung, Körperstrafen einzudämmen und somit Individuen eine freiere Wahl ermöglichen, die irrationalen Aspekte von Vergesellschaftung minimieren. Die manische Erwartung eines utopischen Gesellschaftszustands wird mit einer depressiven, realistischen Position konfrontiert. 
Das eigene Elend vom äußeren zu trennen verlangt aber nach einer Gesellschaftskritik, die dem Einwandern des Tauschzwangs bis ins Innerste des Sexuallebens folgt. An dieser objektiven Tendenz der Individualpsychologie arbeitet Adorno weiter. Adorno steht der zeitgenössischen, amerikanischen Psychoanalyse misstrauisch bis ambivalent gegenüber. Seine antikonformistischen Sexualvorstellungen sympathisieren mit dem Wilden, Fetischistischen, von Zivilisation nicht ganz erfassten und integrierten. Aufklärung wird zur „Entbarbarisierung“ des platten Landes, das bis in die Akademien reicht. Seine Utopie von einer Gesellschaft wird jedoch nicht primitivistisch oder antiintellektualistisch. Sie bedarf der irrationalen Utopie, die gegen die Realität sich setzt, wissend, dass sie nicht Realität werden kann: rien faire comme une bete. Nichtstun wie ein Tier. Und doch verkündet er, in einer befreiten Gesellschaft auch als Liftboy zu arbeiten – Reduktion als Möglichkeit der Rückkehr zur einfachen Arbeit, ohne Arbeit oder Härte zu verherrlichen, ohne auf die Sterne anzurennen, ohne Expansionszwang. Ideal wird die nicht verdinglichte Muße, die Arbeit sein kann, ohne sich dessen zu schämen. Adornos Utopie wendet sich mit diesem reformistischen „Maoismus“ gegen die Fortschrittsutopie des Sozialismus und der bürgerlichen Gesellschaften und stellt so das Freudianische Unbehagen der Kultur vom Kopf auf die Füße.

Literatur:
Andreas Arndt: Unmittelbarkeit. Bielefeld: transcript 2004 (Bibliothek dialektischer Grundbegriffe)
Erich Fromm: Überfluss und Überdruss. Via: http://vbgv1.orf.at/magazin/klickpunkt/focus/stories/237992/.


 

19. April 2016: Beyond Reproduction: revolutionäre Alternativen und utopische Spekulation zu Geschlechterverhältnissen und Reproduktionsarbeit (Felicita Reuschling)

Die Geschichte einer feministischen Perspektive in der Utopie ist relativ jung und von vielen Auseinandersetzungen bzw. Konflikten geprägt. Parallel zu den sozialen Bewegungen zu Beginn des 20.Jh. und nach 1968 haben sich entlang der sogenannten Frauenfrage Positionen zu Geschlechterverhältnissen und Lebensformen herausgebildet, die mit der traditionellen Arbeiterbewegung häufig in einem problematischen Verhältnis standen, obwohl sie den gemeinsamen Bezugsrahmen des Sozialismus teilten. Das Verhältnis von Marxismus, Feminismus und Utopie, dem ich mich widmen möchte, eröffnet eine Perspektive, die die Grenzen traditioneller sozialistischer Befreiungsvorstellungen in Frage stellte und damit spekulativ die Konzepte von Fortpflanzung und Geschlechterverhältnissen erweitern.

Audio: https://archive.org/details/ReuschlingBeyondReproduction

 

26. April 2016: Überlegungen zu den logischen und historischen Voraussetzungen utopischen Denkens (Heinrich Hofer)

Wird über den Mangel an Utopien heute gemurrt, ihre enorme Wichtigkeit für die politische Arbeit betont und der Tod der Utopie mit einem Schulterzucken bedacht oder gar lauthals begrüßt, so wird doch eher selten darüber geredet, was es denn nun sei, dessen Mangel zu beklagen wäre oder dessen Anwesenheit kritisiert werden müsste. Meist bleibt es dabei völlig unklar, warum eine rein fiktionale Darstellung überhaupt eine Wirkung über den reinen Lesespaß hinaus erlangen sollte.

Diese Frage weißt über die Inhalte konkreter Utopien hinaus und richtet die Aufmerksamkeit auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen Utopien überhaupt eine Wirkung entfaltet haben oder aber in welchen sich die Erwartungen, welche in sie gesetzt wurden, bitter enttäuschten. Sie richtet das Augenmerk auf das Subjekt und seine Möglichkeit die gesellschaftlichen Verhältnisse zu erkennen und denkend zu überschreiten.
Um besser zu verstehen, was utopisches Denken ausmacht und welche Möglichkeit in ihm verborgen liegen, muss sich mit den Voraussetzungen beschäftigt werden, welche diesem Denken zugrunde liegen.

 

Heinrich Hofer ist Student der Philosophie und Geschichte sowie Mitglied im Referat politische Bildung.

Audio: https://archive.org/details/HoferLogischeUndHistorischeVoraussetzungen


3. Mai 2016: Die Vernunft-Utopien der Aufklärung (Gerhard Stapelfeldt)

Kant würdigt das Zeitalter der Aufklärung als das „eigentliche Zeitalter der Kritik“: „Religion“ und „Gesetzgebung“ hätten sich der „freien und öffentli­chen Prüfung“ durch die „Vernunft“ zu unterwerfen. Der Vernunft des Men­schen, aller Menschen, kommt die höchste Herrschaft zu – nicht Gott, nicht dem Monarchen: das ist die Utopie des revolutionären Liberalismus. Unter der Herrschaft der Vernunft schienen alle Menschen frei und gleich, schien die Geschichte der Gewalt durch einen Zustand „ewigen Friedens“ über­wunden, schien die einseitige Bereicherung von Handelsnationen überzu­gehen in das System des Wealth of Nations.
Die Aufklärung überwindet, durch theoretische und praktische Kritik, das Zeitalter der Metaphysik. In der metaphysischen Weltauffassung und Le­benspraxis besteht die Einheit der Welt in Gott. Der absolute Monarch per­sonifiziert die göttliche Rationalität; die Natur gilt als „göttliche Natur“; die Naturstoffe Gold und Silber gelten unmittelbar als gesellschaftlicher Reich­tum; Philosophie und Astronomie stützen sich auf den Beweis vom Dasein Gottes; der Einzelne erlangt in seiner Seele die Einheit mit Gott.
Indem die Aufklärung diese Welteinheit in Gott zerstört, treten in der Welt – theoretisch und praktisch – Subjekt und Objekt auseinander. Das Zeitalter der Aufklärung ist das Zeitalter der Entzweiungen: von Vernunft und Sinn­lichem, Natur und Gesellschaft, Staat und Gesellschaft, Gesellschaft und In­dividuum, Glaube und Wissen. Praktisch bedeutet dies: an die Stelle der ab­soluten Monarchie tritt die Republik, an die Stelle des Handelskapitalismus tritt der Industriekapitalismus; an die Stelle der Stände- tritt die Klassenge­sellschaft. Die Aufklärung vollendet sich in den bürgerlichen Revolutionen in Nordamerika (1776) und in Frankreich (1789).
Die Utopie einer Herrschaft der Vernunft ist widersprüchlich. Vernunft, nach Platon die Kritik von theoretischen und praktischen Voraussetzungen (Dog­men) durch Aufklärung ihrer Genesis, wird durch diese Herrschaft selbst zum Dogma: zu einem allgemeinen Unbewußten, zur „List der Vernunft“. So schlägt die vernunftgerichtete Revolutionierung der alten Gewaltverhältnisse in eine rationalisierte Gewalt um: in den Terror der Französischen Revolu­tion, in das Elend der englischen Arbeiterklasse.
Der gegenwärtig herrschende Neoliberalismus ist die vorläufig letzte Gestalt jener gesellschaftlichen Bewußtlosigkeit, die mit der Vernunft-Utopie der Aufklärung praktisch wurde: als invisible hand, als volonté générale. Der Neoliberalismus fixiert die Bewußtlosigkeit zum allgemeinen Irrationalen.

G. Stapelfeldt lehrte bis 2009 als Soziologie-Professor an der Uni Hamburg

Audio: https://archive.org/details/StapelfeldtVernunftUtopienDerAufklrung

10. Mai 2016: Die Utopie und Romanform - Charles Dickens als Chronist des Verfalls utopischen Denkens (Björn Oellers)

Der Roman, so formulieren es Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, ist das geschichtsphilosophische Widerspiel des Epos. Diese literarischen Formen haben verschiedene historische Voraussetzungen: Das Epos entsteht aus einer mythisch verstandenen Welt, der Roman aus der Auflösung dieses mythischen Weltverständnisses. 
Die literarische Form des Romans entsteht mit dem Verschwinden der mittelalterlich-feudalen Ordnung und der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft. In ihrem Mittelpunkt steht der Held der Handlung, das bürgerliche Individuum. Er ist der Bezugspunkt der Handlung, seine Erlebnisse und Erfahrungen bilden Anfang und Ende des Geschehens und begrenzen den Umfang des Erzählten. Die literarische Form des Romans enthält damit eine Utopie. Denn die genannten Aufgaben kann der Held nur erfüllen, wenn er als ein Eigenständiges gedacht ist, als ein Individuum vorausgesetzt ist: Der Akt des Erzählens schafft eine dem Individuum angemessene, auf das Individuum bezogene Welt. So ist der Roman ein literarischer Ausdruck der Trennung von Individuum und Gesellschaft, von Subjekt und Objekt. 
Georg Lukács thematisiert den Held des Romans als problematisches Individuum: Es ist stets der Gefahr ausgesetzt zugrundezugehen, seine utopischen Ideen können jederzeit in Illusionen umschlagen, denn dem Held wird zugemutet, was er nicht leisten kann: Als einzelnes Individuum eine Welt zu erschaffen. So ist mit der Utopie die Gefahr ihrer Zerstörung gesetzt, die Gefahr der Übermacht der Gesellschaft über die Einzelnen, literarisch: die Handhabung des Helden als erzählerisches Mittel zur Einrichtung der Erzählwelt.

Der utopische Gehalt des Romans hängt jedoch näher von den historischen Bedingungen ab, unter denen das jeweilige Werk entsteht. Ihren historischen Höhepunkt erreicht die Romanform im 19. Jahrhundert, in der Epoche des Liberalismus. Insbesondere in Großbritannien, dem ökonomisch weitestentwickelten Land dieser Zeit, gehört der Roman zu den Mitteln der Unterhaltung als auch der politischen Auseinandersetzung. Ein Autor, der diese Verbindung exemplarisch verkörpert, ist Charles Dickens. 
Im Vortrag wird die Verbindung von Utopie und Literatur anhand von Lukács´ Theorie des Romans dargestellt und an ausgewählten Romanen von Charles Dickens exemplarisch untersucht. Es zeigt sich eine historische Entwicklung des Verfalls von Utopie im Liberalismus: Enthalten die Romane zu Beginn von Dickens’ Schaffen noch gesellschaftliche Gegenentwürfe und Alternativen, so gehen diese in den folgenden Romanen verloren. An ihre Stelle treten die Zerstörung des Individuums und der Utopie, ja des Vermögens zu utopischem Denken.

Audio: https://archive.org/details/OellersUtopieUndRomanform

 

24. Mai 2016: Die Hieroglyphen der Moderne. Das kritische Abenteuer des Marxismus (Elfriede Müller)

Karl Marx hat die Geheimnisse der Herrschaft der Ware aufgedeckt. Bevor der Dogmatismus sich seiner Legende bediente, galt er lange als der scharfsinnigste Analytiker dieser Macht. Um die Aktualität des Marx’schen Denkens mit ihrer theoretischen Kohärenz nicht nur würdigen, sondern auch nutzen zu können, müssen wir den tiefen Schlaf der Orthodoxien abschütteln. Marx hat weder eine Philosophie vom Ende der Geschichte begründet, noch eine empirische Klassensoziologie, die den unvermeidbaren Sieg des Proletariats verkündete, noch eine Wissenschaft, die in der Lage wäre, die Weltbevölkerung auf den Weg des unabwendbaren Fortschritts zu leiten. Seine dreifache Kritik der historischen und der ökonomischen Vernunft, sowie des wissenschaftlichen Positivismus beziehen sich aufeinander und ergänzen sich. Um sich heute an Marx’ Werk zu erfreuen, muss mit dem aktuellen politischen und wissenschaftlichen Kanon seines Werks gebrochen werden.

Elfriede Müller ist Miglied der jour fixe initiative Berlin, welche seit über 20 Jahren politische Diskussionsveranstaltungen organisiert und  Bücher zu drängenden Fragen der Gesellschaftskritik publiziert. 2013 erschien der Band "Etwas fehlt" zum Themenkomplex der Utopien.
http://www.edition-assemblage.de/etwas-fehlt/

Audio: https://archive.org/details/MllerHieroglyphenDerMorderne

 

31. Mai 2016: Neoanarchism: Utopia Reawakened or the New Spirit of Capitalism? (Blair Taylor) [English]

Since the collapse of actually-existing socialism, anarchism has experienced a renaissance within the global left as the historical rival tradition to Marxism. A variety of recent left movements from the Zapatistas, the Spanish indignados, Argentine Piqueteros, to Occupy Wall Street have embraced what some have called neoanarchism, a politics that seeks to “change the world without taking power.” This lecture will offer a critical analysis of contemporary anarchist politics in theory and practice, focusing on three main themes. First, it will examine the content of neoanarchism and how it differs from classical anarchism: its particular political analysis, social critique, and utopian vision. Second, it will trace the major historical moments, movements, and intellectual debates which shaped its emergence and political logic – focusing especially on the experience of the New Left and New Social Movements, the anarchist turn in the 1990s by the radical ecology and alterglobalization movement, its hegemony within Occupy Wall Street. Along the way I will discuss the interplay of movements and ideas as various thinkers such as Murray Bookchin, John Zerzan, and David Graeber sought to reformulate anarchist theory in light of changing social and historical conditions.

The talk concludes with an exploration of neoanarchism’s latent affinities with neoliberalism; as neoanarchism developed primarily in opposition to state-led Fordist capitalism and its Marxist opposition, aspects of its social critique overlap with that of neoliberalism. This makes neoanarchism especially prone to recuperation – the process of incorporating radical ideas and movements into power – an important but overlooked factor contributing to both movement decline and the legitimization of power. Whereas the anti-corporate politics of the alterglobalization movement was recuperated as ethical consumption, the anti-statist communitarian politics of movements like Occupy Wall Street have also been absorbed into the neoliberal discourse of the post-crisis era. Echoed in the Tory Big Society program and the U.S. Tea Party manifesto, their shared emphasis on direct action self-provisioning by non-state actors, critique of “politics,” and emphasis on economic alternatives is increasingly attractive to both left and right. Thus just as New Left critiques of the hierarchical Fordist order lent ethical legitimacy to neoliberalism, neoanarchism offers a potential glimpse of a new spirit of capitalism perfectly adapted to the austerity conditions of “post” or “zombie” neoliberalism. In this light, neoanarchism’s allegedly impractical and utopian politics can also be understood as the vanguard of capitalist development, prefiguring not the new society but the means to modernize and stabilize the old.

audio: https://archive.org/details/TaylorNeoAnarchism

 

07. Juni 2016: Von Adorno zu Mao. Über die schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung (Jens Benicke)

Nachdem 1956 sowjetische Panzer den Aufstand gegen das staatskapitalistische Regime in Ungarn niedergeschlagen haben, entsteht aus dem Protest dagegen im Westen eine „Neue Linke“, die sich explizit gegen die „Alte Linke“, vertreten durch Stalinismus und Sozialdemokratie, wendet. Diese sich zuerst in den USA, in Frankreich und in Großbritannien entwickelnde Strömung entdeckt dabei auch die dissidenten Traditionen der ArbeiterInnenbewegung, vom Rätekommunismus bis zum westlichen Marxismus, wieder. Sie knüpft dabei an den utopischen Gehalt dieser weitgehend vergessenen und verdrängten Fraktionen an, nachdem die Realität des „Realsozialismus“ für sie keinerlei positiven Bezugspunkt mehr bieten kann.
Die Besonderheit der „Neuen Linken“ in der Bundesrepublik ist dabei ihr starker Bezug auf die Kritische Theorie. Durch die antiautoritäre StudentInnenbewegung der Sechziger Jahre kommt diese in Deutschland zum ersten Mal praktisch zur Geltung. An Adorno, Horkheimer und Marcuse orientierte studentische Theoretiker wie Hans-Jürgen Krahl, Frank Bökelmann u. a. schaffen es Mitte der Sechziger Jahre kurzzeitig im heterogen „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ (SDS) die Oberhand zu gewinnen und die dort ebenfalls stark vertretene traditionslinke Strömung zurück­zu­drängen. 
Doch dieser Zustand ist nur von kurzer Dauer, denn schon auf dem Höhepunkt der studentischen Proteste entstehen aus der antiautoritären Bewegung heraus neoleninistische Strömungen, die die Kritische Theorie als vermeintlich „kleinbürgerlich“ zurückweisen. Diese Entwicklung fällt zeitlich zusammen mit einer­seits erkennbaren Niederlagen der Bewegung, so verabschiedet etwa der Bundestag die Notstandsgesetze und andererseits einer deutlichen personellen Ausweitung der Proteste. Die bis dato überschaubaren antiautoritären Gruppen stoßen erkennbar an ihren Grenzen. Die folgende „schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung“ und die Konstitution der mao-stalinistischen K-Gruppen bedeutet die endgültige Abkehr eines großen Teils der Protestbewegung von den antiautoritären Vorbildern und den von ihnen selbst bis vor kurzen vertretenen Positionen. Aus der antiautoritären Bewegung entwickeln sich autoritäre Kaderorganisationen, die sämtliche emanzipatorischen Errungenschaften der Revolte in ihr Gegenteil verkehren. Auch den anderen „Zerfallsprodukten“ der Protestbewegung, ob Spontis, Neue Frauenbewegung, bewaffnete Gruppen oder die an der DDR orientierte DKP, geling es kaum die Utopie einer anderen und besseren Gesellschaft mit solch einer Vehemenz in die gesellschaftliche Diskussion zu tragen, wie dies der antiautoritären StudentInnenbewegung für eine kurze Zeit gelang.

Audio: https://archive.org/details/BenickeAntiautoritareBewegung


14. Juni 2016: Reparaturbetrieb und Krisenverwaltung oder Ausweg in eine andere Gesellschaft? 'Subpolitiken' zwischen Reproduktion und Überschreitung kapitalistischer Verhältnisse (Tino Heim)

Unter Subpolitiken versteht man eine Vielzahl von Formen von zivilgesellschaftlichem, kulturellem und politischem Engagement unterhalb der Ebene der großen Politik – Repair-Cafés, NGOs, Umsonstläden, Kultur- und Bildungsvereine und verschiedenste Kooperativprojekte lassen sich hier gleichermaßen einordnen. Nach der nachhaltigen Diskreditierung gesellschaftlicher Alternativentwürfe durch den kollabierten Staatssozialismus galten solche Ansätze in den 1990er Jahren als vielversprechender Ausweg gesellschaftlichen und politischen Engagements, versprachen sie doch, die Welt auch jenseits großer emanzipatorischer Erzählungen und revolutionärer Anstrengungen in konkreten Lebensbereichen und konkreten Betroffenheiten etwas besser zu machen. Eben diese Verheißung, die Welt verändern zu können, ohne die Welt verändern zu müssen, war zugleich auch der Grund, warum subpolitische Ansätze von verschiedenen radikaleren linken Gruppierungen oft als ‚Reparaturbetrieb für ein kaputtes System‘ abschätzig betrachtet und eher abgelehnt wurden. Nicht umsonst waren zugleich neoliberale Intellektuelle oft dezidierte Befürworter subpolitischer Praxen. In letzter Instanz sind Subpolitiken letztlich immer beides, Reparaturbetrieb und Experimentierfeld für andere Formen gesellschaftlicher Praxis. Denn wo sollen Ansatzpunkte für andere Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens entstehen, wenn nicht in der bestehenden Gesellschaft, deren soziale, kulturelle und ökologische Destruktionseffekte sie zugleich ausgleichen und so tatsächlich als Reparaturbetrieb wirken. Wenn Subpolitiken mehr als das sein sollen, brauchen sie auch eine irgendwie geartete utopische Orientierung hinsichtlich der Frage, welche andere Welt möglich wäre.

Der Vortrag soll neben einer Skizze der Probleme, Widersprüche und Potenziale subpolitischer Praxen ihr ambivalentes Verhältnis zur Orientierung an einer Umwälzung bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse klären und dabei weniger klare Antworten, sondern vielmehr Anstöße zu kontroversen Diskussionen geben.

Audio: https://archive.org/details/HeimSubpolitik

 

21. Juni 2016: »… das noch nicht Seiende, schwarz verhängt« – Kunst als Utopie: Walter Benjamin und Theodor W. Adorno (Christoph Hesse)

Kunst als Utopie, das klingt auf Anhieb nach der Bebilderung eines Schlaraffenlands, das in der wirklichen Welt unmöglich und darum in der Kunst, einer Welt bloßen Scheins, gut aufgehoben sein soll. »Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst«, tönt es bei Schiller. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, so etwa lautet dieser fatale Vers in volkstümlicher Übersetzung. Doch selbst eine Kunst, von der man nichts weiter erwartete, als daß sie die Menschen deren alltäglich erfahrene Mühsal leichter ertragen lasse, indem sie ihnen von Zeit zu Zeit einen winzigen Ausblick auf ein glücklicheres, zuletzt nicht einmal mehr durch die Erwartung des Todes beschwertes Leben im erhofften Jenseits eröffnet – selbst solche Kunst schösse womöglich über das ihr gesteckte Ziel hinaus. Allein schon durch seine materielle Existenz in der bestehenden Welt, der es abgerungen wurde, deutet ein Kunstwerk darauf hin, daß das Nichtseiende, das es vorstellt, durchaus sein könnte. Seine eigene Wirklichkeit zeugt für die Möglichkeit des Möglichen. Jedes Kunstwerk, ungeachtet seiner expliziten Bedeutung, ist als solches buchstäblich utopisch. Gegenüber der Wirklichkeit, deren Elemente es verarbeitet, behauptet es sich als eine ihr entrückte Wirklichkeit eigener Ordnung, die in jener keinen Ort hat. Sogar ein erklärtermaßen realistisches Werk kann nicht umhin, die wirkliche Welt zu entstellen; zumindest insofern, als es sie an einen anderen Ort stellt, in eine von ihm selbst geschaffene, wiewohl nur scheinbare Welt, in der noch ganz andere Kräfte wirken.
Andererseits kann kein Kunstwerk im handgreiflichen Sinne utopisch sein. Dazu müßte es sich über die Erfahrung der Wirklichkeit hinwegsetzen, der sein Dasein und auf vielfach vermittelte Weise auch seine ästhetische Konstitution entspringt. Kein daseiendes Kunstwerk, sagt Adorno, sei des Nichtseienden positiv mächtig. Das unterscheidet es von den Symbolen der Religionen, die solche Transzendenz beanspruchen. Der Kunst aber sei »ihre Utopie, das noch nicht Seiende, schwarz verhängt«, darum bleibe sie »durch all ihre Vermittlung hindurch Erinnerung, die an das Mögliche gegen das Wirkliche, das jenes verdrängte, etwas wie die imaginäre Wiedergutmachung der Katastrophe Weltgeschichte, Freiheit, die im Bann der Necessität nicht geworden, und von der ungewiß ist, ob sie wird.«
Was Kunst als Utopie zu bedeuten habe – und zwar nach dem Scheitern der künstlerischen Avantgarde-Bewegungen des vergangenen Jahrhunderts und zumal nach den weltgeschichtlichen Katastrophen, die jedes Versprechen künftigen Glücks dementieren –, diese Frage soll hier zunächst in einem Rückblick auf die Moderne erörtert werden: namentlich anhand der ästhetischen Theorien Benjamins und Adornos, deren enge gedankliche Verwandtschaft ihre im einzelnen unterschiedlichen Auffassungen nur um so deutlicher hervortreten lassen. Inwieweit diese dem eigenen Anspruch nach historisch-materialistischen und gleichwohl auch utopischen Konzeptionen nicht nur über jene abgelebte Epoche, sondern womöglich noch über das hinausragen, was aus Resignation oder Verlegenheit Postmoderne genannt wird, bleibt zu sehen.

Audio: https://archive.org/details/HesseKunstAlsUtopie


28. Juni 2016:  Volksgemeinschaft: Vernichtung als Utopie (Gerhard Scheit)

Was immer die nationalsozialistische Propaganda von der Volksgemeinschaft nach dem Endsieg oder die djihadistische Propaganda vom Selbstmordattentäter bei den himmlischen Jungfrauen sich ausmalt – es ist nur ein Deckbild für das Immergleiche: Vernichtung um der Vernichtung willen.

Gehen die Klassen in der Gemeinschaft und die Produktionsverhältnisse in der Vernichtungspolitik auf, wird zugleich die Phantasmagorie des erhabenen Körpers erzeugt – erhaben über die Triebbefriedigung und den Schmerz: die zur Perfektion ertüchtigte Leiche – Ergebnis davon, dass die Individuen, in ihrem Bewusstsein den Rechts- und Vertragsbeziehungen entbunden, vollständig zur Masse geworden sind, mit Freud gesprochen: „ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich miteinander identifiziert haben“. Der libidinös besetzte Leib, der dem einzelnen Verliebten als erhaben erscheint, nur um die geschlechtliche Lust noch zu steigern, verschwindet in der „Ästhetisierung der Politik“ (Benjamin), und die Erhabenheit wird zum gepanzerten, gestählten Körper, in dem die Masse sich spiegelt. Er ist nur die Hülle der Opferbereitschaft und kennt deshalb keinen Schmerz, wie der tote Körper. Er ist das Ideal. Indem die Massenindividuen sich miteinander identifizieren, stellt sich das Opfer zusammen mit der Vernichtung derer, die wirklich oder vermeintlich zum Opfer nicht bereit sind, als Selbstzweck heraus.

Wahre Utopie wäre demgegenüber „die opferlose Nichtidentität des Subjekts“ (Adorno).

 

5. Juli 2016: Neoliberaler Anti-Utopismus und Unwirklichkeit (Gerhard Stapelfeldt)

Der nach der Großen Depression von 1929/33 zuerst in den USAdurchge­setzte Versuch, Wirtschaft und Gesellschaft systemrational durch einen tech­nokratischen Staat zu lenken, brach in den Ländern der OECD in den Krisen von 1971/81 zusammen. Der analoge Staatsinterventionismus der Entwick­lungsländer wurde durch deren Schuldenkrise nach 1975/82 beendet. 1990 brach endlich die staatliche Planwirtschaft der RGW-Staaten zusammen. An die Stelle dieser Formen des Staatsinterventionismus trat der Neoliberalis­mus, der sich nach 1990 sich zur ‚Globalisierung’ verallgemeinerte.
Gegen den staatsinterventionistischen System-Rationalismus hat der Neoli­beralismus, theoretisch und praktisch, das Dogma gesellschaftlicher Irratio­nalität gesetzt. Die Konsequenz dieses Dogmas ist, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse unerkennbar sind: sie seien weder in Rücksicht auf ihre histori­sche Genese noch in Rücksicht auf eine Vernunft-Utopie zu überschreiten. Ist die Gesellschaft als Ganze weder erkennbar noch steuerbar, so ist das ‚Ende der Geschichte’ gekommen und das ‚Ende der Utopie’. Es bleibt al­lein: ein „freiwilliger Konformismus“ der Bürger der neoliberalen Volks-Gemeinschaft, die sich gegen alles Fremde nach dem Gegensatz von „Freund und Feind“ (C. Schmitt) verhält.
Wenn, nach Hegel, allein das Wirklichkeit heißen kann, was vernünftig ist, wenn der Begriff der Wirklichkeit der Verwirklichung der Vernunft – einer Gesellschaft, in der sich die Menschen ihrer selbst und ihrer Verhältnisse bewußt sind – vorbehalten ist, dann ist der Neoliberalismus die Ordnung der Unwirklichkeit. Gegen den Neoliberalismus scheint nur ein Widerspruch möglich: der neoliberale – die „konformistische Revolte“.
Einerseits tritt der Neoliberalismus als Erbe vor allem der deutschen Gegen­aufklärung des 19. Jahrhunderts auf. Andererseits ist er auch der Erbe der liberalen Utopie einer Herrschaft der bewußtlosen Vernunft: der Neolibera­lismus vollendet die liberale „List der Vernunft“ zu einer „List ohne Ver­nunft“. Nicht der Neoliberalismus hat die Vernunft-Utopien liquidiert, son­dern die Vernunft-Utopien vollenden sich durch ihre Widersprüche in ihrer Selbstnegation: im Neoliberalismus. Im neuen ‚Gehäuse der Hörigkeit’ scheint gegen gesellschaftliche, ökonomische Gewalt kein vernunftgegrün­deter Widerspruch und Widerstand möglich.
Aber der Neoliberalismus enthält die Sozialutopien von Platon bis Kant und Marx noch in der Form ihrer Negation. So besteht die utopisch gerichtete Theorie und Praxis heute darin, die Geschichte der Selbstnegation der Uto­pien zu erinnern – um der „Einlösung der vergangnen Hoffnung“ willen.

G. Stapelfeldt lehrte bis 2009 als Soziologie-Professor an der Uni Hamburg.

Audio: https://archive.org/details/StapelfeldtNeoliberalerAntiutopismusUndUnwirklichkeit


12. Juli 2016: Möglichkeiten der Utopie heute - Formen & Funktionen von Utopiebewusstsein (Alexander Neupert)

Die Aktualität von Utopie ist ein beliebtes Thema für politische und akademische Debatten. Leben wir “nach dem utopischen Zeitalter”, wie es 1991 der Historiker Joachim Fest nach dem Niedergang der Sowjetunion vertrat?
Oder befinden wir uns nach wie vor “in der Gegenwart der Utopie”, wie 2011 der Philosoph Julian Nida-Rümelin meinte?

Derart umfassende Thesen lasen sich schwer beurteilen, sie provozieren Gegenfragen: Was wird unter Utopie verstanden? Ist die Rede von einem literarischen Genre (Roman-Utopien)? Geht es um Kommunen, Gemeinschaften u.ä. (Siedlungs-Utopien)? Oder ist die Rede von politischen Fernzielen (Befreiungs-Utopien)? An die Frage der Form knüpft die nach Funkionen an.

Handelt es sich bei Roman-Utopien um fiktionale Gegenbilder zu einer jeweiligen Gegenwart, so überschritten die
Siedlungsexperimente des 19. Jahrhunderts, die Marx und Engels als utopistischen Sozialismus bezeichneten, die
Grenze zur Praxis. Politische Utopien im engeren Sinne teilen mit ihren Vorformen diesen Gegenwarts- und Praxis-Bezug.

Vor allem im 20. Jahrhundert gab es viele Ansätze, um den Begriff der Utopie als ein Bewusstseinsphänomen zu bestimmen. Utopisch würden demnach Vorstellungen heißen, die Mißstände ihrer Gegenwart kritisch überschreiten, die vorhandene Möglichkeiten benennen, die Geschichte als Praxis behaupten und zum Handeln motivieren. Wo zeigt sich also Utopiebewusstsein?

Utopien sind ein soziales Phänomen, sie "wollen als Haltungen gesellschaftlicher Gruppen aus der gesamtgesellschaftlichen Wirklichkeit begriffen sein“ (Max Horkheimer). Daran anknüpfend soll im Vortrag nach den TrägerInnen utopischen Bewusstseins heute gefragt werden: Worin zeigt sich heute Utopiefähigkeit? Inwiefern ist Utopie in Krisenzeiten Alternative zu Ideologien?

 

 


Wintersemester 2015/16

30. Januar 2016: Einführung in die Psychoanalyse und ihre Denkweise (Dr. Markus Brunner, Sigmund-Freud-Universität Wien)

Raum: ZEU/160/H

Uhrzeit: 11,30 Uhr

Von der Psychoanalyse gibt es mittlerweile viele Versionen und v.a. im Alltagsdiskurs viele Vorstellungen davon, wie die Psychoanalyse tickt. Ich will in diesem Vortrag in eine Psychoanalyse fern von schematischen Entwicklungslogiken, Kindheitsdeterminismen und Pathologisierung einführen und ein ungemein dynamisches Denken präsentieren, das es erlaubt, der Entstehung von Subjektivität innerhalb von je spezifischen sozialen Kontexten nachzugehen. Mithilfe der Freudschen Begriffe der „Nachträglichkeit“ und der „Schiefheilung“ kann nachvollzogen werden, wie sich Gesellschaft in das Innerste der Subjekte einschreibt und wie sich Psycho- und Soziodynamiken ineinander verschränken. 

 

Vortragsreihe: Robinson und die Krise. Zur Kritik von Gesellschaft, Wissenschaft und Ökonomie

14. Januar 2016: Das Kapital als unbegriffenes soziales Verhältnis (Manfred Dahlmann)

Raum: HSZ/103/U

Uhrzeit: 19 Uhr

Jeder glaubt zu wissen, was gemeint ist, wenn vom Kapital die Rede ist. Selbst die Auffassung, dass es sich bei dem Kapital nicht um ein Ding, wie etwa dem Geld, sondern ein soziales Verhältnis handelt, ist, unter Linken zumindest, noch einigermaßen verbreitet. Doch bohrt man weiter nach und fragt, worin dieses Verhältnis (das im Grunde schon dem Geld als Ding zugrundeliegt) denn besteht, werden die Antworten so spärlich, dass sie kaum noch aufzufinden sind. Das ist auch kaum verwunderlich, und darum wird es in diesem Vortrag gehen: Denn je näher man sich der Antwort auf diese Frage nach dem vom Kapital generierten sozialen Verhältnis nähert, um so weiter muss man sich von den liebgewordenen Vorstellungen lösen, man könne dieses praktisch oder ethisch, auf jeden Falle mithilfe einer anderen als der bisher verfolgten Politik des Staates, im Sinne eines wie auch immer verstandenen Besseren, steuern.

Wer sich schoneinmal inhaltlich auf den Vortrag vorbereiten möchte, sei hier auf einen Beitrag von Manfred Dahlmann verwiesen, welcher Mitte Dezember in der Zeitschrift sans phrase erscheint.

Audio: https://archive.org/details/DahlmannUnbegriffenesVerhaltnis

 

5. Januar 2016: Ökonomische Krisis und gesellschaftlicher Autoritarismus. Von der Krisis des Liberalismus zur Krisis des Neoliberalismus (Prof. Gerhard Stapelfeldt)

Raum: HSZ/E05/U

Zeit: 19 Uhr

Mit der Großen Depression von 1873/79 bricht der klassische Liberalismus der bürgerlichen Revolutionen zusammen. Die Epoche des Imperialismus be­ginnt, die bis zum Ersten Weltkrieg und zur Großen Depression von 1929/33 dauert. Seit dem Imperialismus zeichnen sich alle Formen der bürgerlichen Politik-Ökonomie aus durch eine theoretische und praktische Ideologie, die den utopischen Gehalt des Liberalismus hinter sich läßt. An die Stelle der vordem proklamierten Herrschaft „List der Vernunft“ tritt eine „List“ ohne „Vernunft“: ein gesellschaftlicher Irrationalismus, auf dessen Grundlage ein sozialatomistischer Rationalismus möglich ist. Im Inneren der Nationen wird ein gesellschaftlicher und politischer Autoritarismus, im Verhältnis nach außen ein aggressives Freund-Feind-Verhältnis aufgerichtet. Im angelsächsi­schen Staatsinterventionismus wird dieser Zusammenhang unter dem Mantel des Pazifismus und des Wohlfahrtsstaats fortgeführt. Im Nationalsozialismus resultiert die Entwicklung im „SS-Staat“ (Kogon) und im Zweiten Weltkrieg. Der gegenwärtig herrschende Neoliberalismus geht von dieser Entwicklung aus, setzt sich ihr scheinbar entgegen, um durch den Gegensatz das Ver­drängte in neuer Form zu reproduzieren. Im nach-utopischen System des irrationalen Rationalismus ist, so scheint es, der theoretischen und prakti­schen Kritik der Boden entzogen: das Bestehende bietet weder die Aussicht auf seine Vorgeschichte noch auf einen „neuen Gesellschaftszustand“ (Marx). Das zeigte sich erstmals in der „konformistischen Revolte“ (Hork­heimer) von 1933.

Gerhard Stapelfeldt lehrte bis 2009 als Professor am Institut für Soziologie der Universität Hamburg

Audio: https://archive.org/details/StapelfeldtKrisisAutoritarismus160105

 

16. Dezember 2015: Die Grenzen der Schrumpfung (Marco Bonavena & Johannes Hauer)

Raum: HSZ/103/U

Zeit: 19 Uhr

In den letzten Jahren wurden viele Illusionen über den Kapitalismus auf schmerzhafte Weise zerstört: Die Weltwirtschaft steckt in der Krise, der Abbau von Sozialsystemen und die Verschärfung von Konkurrenz und Verelendung sind die Folge. Es mehren sich Stimmen, die nach Alternativen zum Kapitalismus fragen, unter ihnen auch die zusehends populärer werdende Idee einer Postwachstumsökonomie. Um sie soll es gehen: Wir wollen zeigen, dass die Vertreter_innen von „Degrowth“ keine überzeugenden Antworten auf die drängenden Probleme der bürgerlichen Gesellschaft finden können und warum das so ist – weil sie keines der grundlegenden Verhältnisse dieser Gesellschaft in Frage stellen. In Abgrenzung zur Empörung über die Dominanz des „Wachstumsdenkens“ in unserer Gesellschaft wollen wir den Zusammenhang von sozialökologischer Katastrophe und kapitalistischer Akkumulation in Ansätzen herausarbeiten und Vorschläge für eine politische Perspektive jenseits der Schrumpfung machen.

Die Referenten Marco Bonavena und Johannes Hauer sind Teil der IG Roboterkommunismus in der Leipziger translib. Die IG widmet sich der Kritik der gegenwärtigen Alternativökonomie.

 

10. Dezember 2015: Zur Kritik der Neoklassik (Robert Fechner)

Raum: HSZ/E01/U

Zeit:19 Uhr

Im Zuge der Weltwirtschaftskrise 2007/08 erfuhr die akademisch hegemoniale Neoklassik einen Legitimationsschaden, der ihr nicht geschadet hat. Zwar wurde landauf und landab in den Feuilletons und Wirtschaftsteilen der großen deutschen Tageszeitungen der nicht existente theoretische Mehrwert, als auch die nicht vorhandene praktische Anwendbarkeit der marginalistischen Prämissen bemängelt, doch hat dies bis heute keine Auswirkungen. Im Gegenteil: Hans-Werner Sinn darf bis heute die Menschheit mit seinem Unsinn belästigen.

Nebst einer Rekonstruktion der neoklassischen Prämissen, möchte das Referat anhand von drei Kernproblemen kapitalistischer Vergesellschaftung deren Erklärungsunfähigkeit und Ideologie einer Kritik unterziehen: das Problem des Geldes, das der Dynamik und das der Krise. Soweit eine jedwede materialistische Kritik immanent vorgeht, ist sie auch historisch situiert, weshalb die historische Genese der Neoklassik in der Abwehr von Ausbeutungstheorien im Zeitalter von Imperialismus und entstehender Massengesellschaft nachzuzeichnen ist.

 

2. Dezember 2015: Historische Bedingungen, Funktionen und Grenzen keynesianischer Krisenverwaltung
– oder: Warum ein ‘Zurück zu Keynes’ heute kein Ausweg aus der Krise sein kann. (Dr. Tino Heim)

Raum: HSZ/103/U

Zeit: 19 Uhr

Im 20. Jahrhundert versprach der Keynesianismus einen Ausweg aus der Kapitalverwertungskrise der 1920er und 30er Jahre und brachte nach dem 2. Weltkrieg auch eine ungekannte Ausdehnung der Massenproduktion und des Massenkonsums in Europa und Nordamerika. Das einfache und wirksame Rezept, durch höhere Löhne und Staatsausgaben für Bildung, Infrastruktur und Kultur (aber v.a. auch für das Militär) Produktion und Massenkaufkraft zu steigern, um Unterkonsumtionskrisen zu vermeiden, schien die endlich gefundene Zauberformel, um alle Widersprüche und Konflikte des Kapitalismus in Harmonie aufzulösen: Profitmaximierung, Staatsexpansion und der Wohlstand der Lohnarbeitenden sollten fortan im Gleichschritt des Wachstums einer frohen gemeinsamen Zukunft entgegen gehen. Kein Wunder also, dass in der aktuellen Krise ganz verschiedene Lager unisono um ‚die Rückkehr von Keynes‘ flehen – vom Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugmann über weite Teile der neuen Rechten in Europa bis zu SYRIZA und großen Teilen der deutschen Linken. Genauer betrachtet waren aber weite Teile der Krisenpolitik seit 2008 de facto keynesianisch. Und waren nicht selbst die neoliberalen ‚Reaganomics‘ der 1980er in manchen Aspekten nur eine verkappte militaristische Variante von Keynes‘ Modell des ‚Deficit Spending‘? Anscheinend ist die Wundermedizin nie wirklich abgesetzt worden, sie wirkt nur nicht mehr.

Das wirft einige Fragen auf: Was waren die Erfolgsbedingungen des Keynesianismus in den 1930er Jahren und warum hielt Keynes den ‚New Deal Hitlers‘ für erfolgreicher als den von Roosevelt? Wie funktionierte der keynesianische Kapitalismus in seiner Blütezeit von 1945-1967 und waren diese Jahre wirklich eine Epoche allgemeiner Glückseligkeit? Warum kam es in den späten 1960er Jahren zu so gravierenden soziokulturellen und politischen Krisenmanifestationen, und warum ließ sich die ökonomische Krise der 1970er Jahre rein keynesianisch nicht mehr bewältigen? Kann heute eine weitere Anreizung zur Beschleunigung und Ausweitung von Produktion und Konsum tatsächlich die Lösung der globalen sozialen und ökologischen Probleme sein, wo die kapitalistischen Zentralstaaten doch mit dem global produzierten stofflichen Reichtum schon jetzt nichts anderes mehr anzufangen wissen als ihn massenhaft zu vernichten, um möglichst schnell noch mehr zu produzieren, um es noch schneller zu vernichten? Ahnte vielleicht sogar schon Keynes selbst die Grenzen des nach ihm benannten Akkumulationsmodells? Diese und andere Fragen will der Vortrag anhand einer immanenten Kritik dieser Variante der neoklassischen Ökonomie diskutieren.

Audio: https://archive.org/details/HeimKeynes1512021

 

26. November 2015:  Zum Verhältnnis von Gesellschaft und Ökonomie (Franz Heillgendorff und Marvin Gasser)

Raum: HSZ/201/U

Zeit: 19 Uhr

Zu Zeiten, als die Volkswirtschaftslehre noch politische Ökonomie genannt wurde, war sie bemüht, den inneren Zusammenhang der bürgerlichen Produktionsverhältnisse zu erforschen. Die durch Adam Smith und David Ricardo analysierten ökonomischen Kategorien verwiesen auf einen utopische Horizont, der dem der Aufklärung in nichts nachstand: Gegen den ungleichen Tausch des Merkantilismus, die Bereicherung an den Kolonien, setzten sie den Tausch von Äquivalenten. Die politische Ökonomie war auf ihrem Höhepunkt somit eine Gesellschaftswissenschaft, durch welche umfassende Kritik an der vorgefunden Krise merkantilistischer Ökonomie formuliert wurde. Durch die Entfaltung der bürgerlichen Produktionsweise, so die Annahme, würde die Konstitution der gesellschaftlichen Gleichheit der Menschen und ihre Sozialintegration ökonomisch geleistet werden können. In der Arbeitsmenge als objektiven Wertmaßstab erblickten beide die Basis des gerechten Tausches, indem sich niemand mehr fremde Arbeit in Warenform aneignet, als er hingibt. Die Utopie des Liberalismus setzt so an die Stelle der gewaltsamen Bereicherung und persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse des Feudalismus eine strukturelle Gewalt, in der sozialökonomische Ungleichheit entgegen dem statischen Feudalsystem allein auf mangelndem Fleiß (Arbeit) und fehlender Sparsamkeit (Triebverzicht) beruht.
Im Vortrag soll es um die historischen und gesellschaftstheoretischen Voraussetzung der politischen Ökonomie gehen und eine Kritik entworfen werden, welche den Zusammenhang von Gesellschaft, Wissenschaft und Ökonomie entfaltet.

 

5. November 2015: Lars Quadfasel: Von der Not und der Wendigkeit - Ideologiekritik in der postideologischen Gesellschaft

Ort: AZ Conni Dresden (Rudolf-Leonhard-Straße 39, 01097 Dresden)

Zeit: 20,00 Uhr

Als Marx und Engels ihr Traktat über die »Deutsche Ideologie« schrieben, hätten sie sich wohl kaum träumen lassen, welcher Beliebtheit sich dieser Begriff einmal erfreuen sollte – und wieviel Schindluder dabei mit ihm getrieben werden würde. Ideologie, das hieß für die allermeisten Linken kaum mehr als der Sand, den die Herrschenden den Unterdrückten in die Augen streuten; und nicht wenige schwärmten zugleich, quasi als Antidot zu Lüge und Nebelwerferei, von der »gefestigten sozialistischen Ideologie«, welche die »Vorhut der Arbeiterklasse« (meist also einfach: sie selbst) auszeichne. Statt im Bewusstsein den Niederschlag des Seins, der gesellschaftlichen Verkehrsverhältnisse, zu erkennen, wurde Denken so auf eine Frage guten oder bösen Willens reduziert – exakt das also, was Marx und Engels an den Junghegelianern verspottet hatten.

Kein Wunder daher, dass ähnlich bescheidwisserisch auch in der bürgerlichen Öffentlichkeit von Ideologie dahergeredet wird. Während der Sportredakteur noch den Fußballer Xavi Hernandez als den »Ideologen« hinter Barcelonas Tiki-taka-Spielsystem feiert, wettert man im Politikteil über die »Ideologen« aus wahlweise Griechenland, USA oder Israel, die uns friedliebenden, pragmatischen und kompromissbereiten Deutscheuropäern das Leben sauer machen; und die Modedenker verkünden derweil triumphierend, dass das »Zeitalter der Ideologien« nun endlich an sein Ende gekommen sei.

Gerade der letztgenannte Befund ist dabei selbst ein Schulfall von Ideologie: weil er in seiner Unwahrheit – als wäre die Unausweislichkeit von Sachzwang und Realpolitik wirklich unausweichlich und nicht politisches Programm – zugleich eine Wahrheit enthält: dass für den Vollzug der Verhältnisse herzlich unbedeutend ist, was ihre menschlichen Anhängsel über sie denken; dass es zu ihrer Aufrechterhaltung der Pläne und Wünsche der einzelnen nicht mehr bedarf. »Die Ideologie«, heißt es daher bei Adorno, »ist keine Hülle mehr, sondern das drohende Antlitz der Welt.«

Der Zwang, aus dem Widersinn der Verhältnisse Sinn zu schlagen, ist damit freilich nicht einfach verschwunden. Der Vortrag wird daher der Frage nachgehen, was Ideologie in der postideologischen Gesellschaft heißt. Als kritisches Modell soll dabei ein Gegenstand dienen, der Ideologie buchstäblich unter die Haut gehen lässt: das Denken über Geschlechterverhältnisse. Nichts, schließlich, erfreut sich in Zeiten der Krise, in denen Politik und Ökonomie längst hoffnungslos erscheinen, größerer Popularität als Körperliches – sei es, in Gestalt der poststrukturalistischen Gender-Theorie, im Geistesbetrieb oder sei es, in Gestalt von Ratgeberliteratur übers Einparken und Sockenfinden, als Alltagsreligion.


Sommersemester 2015

Vortragsreihe Interstellar:  Eine kritische Theorie von Gesellschaft, Technik und Fortschritt

12. Mai 2015: Subjektive und objektive Momente physikalischer Erkenntnis

Ort: HSZ/E05/U, Hörsaalzentrum Bergstraße 64
Zeit: 19,30 Uhr

Im Science-Fiction schien die Gesellschaft ab und zu noch von einer anderen Gesellschaft zu träumen, für die Maschinen zwar wichtig, aber weiterhin nur ein Mittel sind. Inzwischen starrt sie fast nur noch auf die Potenz utopischer Technik, die ihr dabei zum Selbstzweck gerinnt. Jede Utopie ist schal geworden, aber das Versprechen einer künftig vollständigen Beherrschung der Welt durch naturwissenschaftliche Erkenntnis und ihre Anwendung rauscht in scheinbar endloser Wiederholung über die Leinwände. Der häufig erschütternde Mangel an dramaturgischer Phantasie lässt viel Platz für wissenschaftliche Details und statt in wenigstens unterhaltsame Geschichten wird lieber in immer detailgetreuere Computeranimationen investiert. Aktuell führt der Film *Interstellar* die Zusammenarbeit von Kulturindustrie und Naturwissenschaft vor, dessen kurze Analyse den Vortrag über erkenntnistheoretische Grundlagen der Physik motivieren wird.

Die Hoffnung auf eine allmächtige Technik setzt auf den modernen Aberglauben, dass die Naturwissenschaften prinzipiell eine vollständige Beschreibung der Natur liefern könnten. Die Mathematik wird dabei nicht mehr für ein menschliches Symbol- und Denksystem, sondern für eine Art Schöpfungscode oder lingua franca der Natur gehalten. Doch naturwissenschaftliche Erkenntnisformen sind nicht nur historisch entstanden, sondern hängen auch logisch von der Konstitution der Gesellschaft ab. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse als unmittelbare Repräsentation der Natur an sich auszugeben, ist daher eine Gestalt aktueller Ideologie. Ihre Entwicklung lässt sich bei ihren Vorläufern, bei der Entwicklung der modernen Himmelsmechanik und anhand der heute noch eingeschränkt gültigen theoretischen Mechanik verfolgen. Die theoretischen Wandlungen der Mechanik während der Entstehung und Blütezeit des Kapitalismus, die ihre immer breitere Anwendung erleichterten, weisen im Widerspruch zur Ideologie aber deutlich auf ihren Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Entwicklungen hin.

Die Einsteinsche Relativitätstheorie erwies die klassische Mechanik dann als eine vor allem für kosmische Maßstäbe ungenügende Theorie und entschleierte damit nebenbei zugleich einen idealistischen Fehlschluss. Die auf Kant zurückgehende klassische Vorstellung von Raum und Zeit als reinen Formen unserer Anschauung wird durch die völlig kontraintuitive aber sich immer wieder bei Beobachtungen bewährende Verknüpfung von Raum und Zeit widerlegt. Die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis stellte sich neu und fordert bis heute statt wissenschaftlich verbrämter Esoterik und einer positivistischen Physik, die sich von jener manchmal nur noch mühsam unterscheiden lässt, eine moderne Erkenntniskritik.

Jörg Huber ist Physiker und publiziert häufiger in der Zeitschrift *Bahamas*

 

29. April 2015: Geschlecht und Technik. Körpertechnologien zwischen Befreiung

Ort: Willers-Bau, Zellescher Weg 12/14 WIL/C129/H
Zeit: 19,30 Uhr

Technik galt in der ‚ersten Welle’ der Frauenbewegungen um 1900 oft als Materialisierung einer ‚männlich’ konotierten instrumentellen Herrschafts-Rationalität, die in ihrer Einseitigkeit kritisiert und durch eine diametral entgegengesetzt konzipierte ‚weibliche Kultur’ (‚Harmonie’, ‚Ganzheitlichkeit’, ‚Einfühlung’ etc.) ergänzt werden sollte. Die ‚zweite Welle’ der Frauenbewegungen und erst recht post- und queer-feministische Strömungen seit den 1980er Jahren zeigten dann ein deutlich positiveres Verhältnis zur technischen Naturbeherrschung: Reproduktionsmedizin und Körpertechnologien galten nun als Schrittmacher weiblicher Emanzipation oder gar als Medium der endgültigen Sprengung aller an vermeintliche Naturunterschiede geknüpften geschlechtlichen Zwangsidentitäten und Hierarchien. Diese Technikeuphorie wird in jüngsten Debatten – etwa zum ‚Social Freezing’ – wieder von Ängsten konterkariert, in denen das Versprechen der Naturüberwindung einmal mehr in die Drohung einer totalen Unterwerfung umschlägt, die noch die letzten und individuellsten Rückzugsbereiche ‚natürlichen’ Lebens und körperlicher Selbstbestimmung den Zwängen der Kapitalverwertung subsumiert.
Ausgehend von diesen offenkundig ambivalenten und widersprüchlichen Einschätzungen der Technik in den Geschlechterdiskursen will der Vortrag herausarbeiten, warum die befreienden und/oder unterdrückenden Wirkungen einer Technologie – auch und gerade in Fragen der Geschlechter(de)konstruktion – nicht von ‚der Technik’ selbst, sondern von den gesellschaftlichen Verhältnissen und Zweckbestimmungen ihrer Anwendung abhängt.

Dr. Tino Heim (TU Dresden)

Audio: https://archive.org/details/VortragHeim

 

22. April 2015: Interstellar: Technische Beherrschung von Natur und Gesellschaft Von der Aufklärung zur Naturalisierung der Verhältnisse

Ort: Gerhart-Potthoff-Bau, Hettnerstr. 1/3 POT/106/U
Zeit: 18,30 Uhr

Die Objektivierung der Natur und die spiegelbildliche Subjektivierung der Gesellschaft war das Produkt der bürgerlichen Aufklärung. Die Objektivie­rung der Gesellschaft, die die Möglichkeit einer technischen Beherrschung von Wirtschaft und Gesellschaft bot, war die paradoxe Konsequenz jener Aufklärung. Der Vortrag wird diesen gesellschafts- und philosophiege­schichtlichen Fortschritt als Entwicklung von der bürgerlich-kosmopoliti­schen Freiheit zum sozialtechnischen Autoritarismus skizzieren.
Die bürgerliche Aufklärung zerstörte theoretisch, die bürgerlichen Revolutio­nen in Nordamerika (1776) und Frankreich (1789) praktisch eine Weltauffassung und politisch-ökonomische Praxis, in der die Einheit der Welt in Gott zu liegen schien: in der die Natur als subjektiv-göttlich, in der der absolute Herrscher als Personifikation göttlicher Rationalität galt. Die li­berale Theorie und Praxis war dagegen atheistisch: die Zerstörung der göttli­chen Welteinheit spaltete die Welt in Objekt und Subjekt, Natur und Ge­sellschaft, Sinnliches und Abstraktion. Auf dieser Grundlage erschien die Natur als ein Objekt, das technisch zu beherrschen, ökonomisch zu verwerten ist: in der Industriellen Revolution.
In der Großen Depression von 1873/79, die den Imperialismus einleitete, er­schien die Konsequenz der Aufklärung: die der Natur entgegengesetzte, ihr bewußtlos vorausgesetzte Gesellschaft erschien nun selbst als naturgesetz­licher Kosmos, der technisch – technokratisch – beherrschbar ist. Die Pla­nung von Wirtschaft und Gesellschaft wurde nun eingeleitet; der Sozialismus phantasierte die neue Gesellschaft als Planwirtschaft. Von hier reicht ein Weg zur Theorie und Praxis der Modernisierung, der keynesianischen Wirt­schaftsteuerung in den USA nach 1933 und zum Weltwirtschafts- und Welt­währungssystem von Bretton-Woods (1944-1973).

Gerhard Stapelfeldt lehrte bis 2009 als Professor am Institut für Soziologie der Universität Hamburg.

Audio: https://archive.org/details/VortragStapefeldt

 

17. April 2015: Interstellar: Zu einer kritischen Theorie über Technik, Fortschritt und Gesellschaft (Vortrag)

Ort: AZ Conni Dresden
Zeit: 19,30 Uhr

„…dass dieser Gesellschaft die Technik nur zur Erzeugung von Waren dient“. Zu einer kritischen Theorie über Technik, Fortschritt und Gesellschaft

Bekanntlich vermögen es weder Ochse noch Esel, den Sozialismus in seinem Laufe aufzuhalten. Eng mit dieser reichlich fortschrittsoptimistischen Weltsicht zusammen hängt die Auffassung, daß das gesamte Viehzeug ebenso wenig eine ökonomische Kategorie darstellt wie der Pflug, den der Ochse zieht, oder die Maschine, die der Prolet bedient. Bereits für Karl Marx galt als ausgemacht, daß die Art und Weise wie die Maschine genutzt wird, etwas vollkommen anderes als eben diese Maschine selbst ist. Wenngleich all die dampfenden Rösser von der gegenwärtig herrschenden kapitalistischen Produktionsweise hervorgebracht wurden und sie dem Primat des Profits nur zu ideal entsprechen – die Maschine ist für Marx und die ihm folgenden Generationen von Sozialdemokraten und Kommunisten nicht an die privatkapitalistische Initiative gebunden; unverändert läßt sie sich in einer Gesellschaft solidarischer Einzelner verwenden. Daß überdies, wie es bei Marx heißt, die Handmühle eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten ergibt, scheint nicht allein den engen Zusammenhang zwischen technischer und sozialer Entwicklung in der Rückschau anzuzeigen; ebenso sehr ist damit auch ein Ausblick auf die helle Zukunft erlaubt – wenn der Fortschritt nur ungebremst anhält. Die sozialdemokratischen wie die kommunistischen Nachfolger Marx’ und Engels’ sind ihren Vordenkern bereitwillig sowohl in Sachen Technikbegeisterung wie Geschichtsoptimismus gefolgt. Eine qualitativ andere Gesellschaft geht dann bereits in der Gleichung ‚Elektrifizierung plus Sowjetmacht’ auf.
Unterschlagen wird dabei, daß die Technik bereits in ihren Konstitutionsmerkmalen auf die ökonomischen Zweckreihen zugeschnitten ist; die Auspressung von Mehrwert ist der Maschine gleichsam einprogrammiert. Ebenso unterschlagen wird, daß mit den zum technischen Gerät geronnenen ökonomischen Zwecksetzungen immer auch bestimmte Sozialbeziehungen mit gesetzt sind; die Maschine erlaubt kaum andere Formen der Arbeitsteilung oder andere Formen der Arbeit. Daß dieser Gesellschaft, so ist bei Walter Benjamin zu lesen, die Technik allein zur Erzeugung von Waren dient, und damit ineins immer auch eine bestimmte Modifikation der allgemein-menschlichen Natur verbunden ist, wurde nur selten in Betracht gezogen. Damit ist der Bogen des Vortrags gewissermaßen gespannt; es wird ebenso sehr um die Technikbegeisterung im Marxismus wie um Ansätze einer kritischen Theorie der Technik und Naturbeherrschung gehen.

Dirk Lehmann hat in Duisburg und Bielefeld die Soziologie studiert. Er arbeitet gegenwärtig über die Entstehung und Entwicklung der kritischen Theorie und veröffentlicht unregelmäßig im Kritiknetz. Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft

 

Dezember 2013

Vortragsreihe Gesellschaftskritik & Psychoanalyse

Obwohl gesellschaftliche Verhältnisse menschengemacht sind, treten sie dem ohnmächtigen Individuum als unabänderbare Realität entgegen. Die kapitalistische Vergesellschaftung spiegelt sich in der Beschädigung der Subjekte, auch wenn diese nur selten als Pathologie offen zutage tritt. Zwar ist nicht jede psychische Disposition auf das „falsche Ganze“ zurückzuführen, aber der Einfluss derselben bleibt unbestreitbar. Denn durch die Anpassungsleistung, die das Individuum vollbringen muss, widerfährt ihm Leid, das es in seiner Ohnmacht aber nicht auf seine gesellschaftlichen Ursachen zu reflektieren vermag, sondern im Gegenteil nach außen gegen „das Andere“ oder sich selbst wendet und so aufs Neue die falsche Einrichtung reproduziert.
Sigmund Freud hat als Begründer der Psychoanalyse nicht nur der Behandlung von psychisch Kranken neue Wege gewiesen. Seine Schriften gaben auch Impulse für kulturtheoretische Auseinandersetzungen mit der Frage, wie sich die Sozialisationsprozesse der Subjekte auf ihren psychischen Apparat auswirken. Freud bestand zwar auf der Kulturleistung, der gesellschaftlichen und kulturellen Zurichtung, unterschlug dabei aber nicht, dass die Menschen sich um der Zivilisation willen schmerzhaft Wünsche versagen müssen. Dass der Einzelne sich dieser untersagten Begierden nicht vollends bewusst ist, dass sich Teile seines Seelenlebens der konkreten Herrschaft des eigenen Willens entziehen, ist Erkenntnis der Psychoanalyse. Darin liegt gleichsam die „dritte Kränkung der Menschheit“, weil es das Subjekt schmerzt, anzuerkennen, dass es schlicht nicht „Herr im eigenen Hause“ ist.

 Freuds Thesen zur Rolle der Triebe, des Unbewussten und der frühkindlichen Sexualität für die Subjektkonstitution wurde oft widersprochen. Häufig scheint jedoch die Kritik an der Psychoanalyse die besagte These von der „dritten Kränkung“ zu bestätigen und wieder einen Schritt hinter die Erkenntnisse Freuds zurück zu fallen. Die Kritische Theorie hingegen kombinierte ihre Gesellschaftskritik mit psychoanalytischen Kategorien, um die Wechselwirkungen von gesellschaftlichem und individuellem Wahn erfassen und kritisieren zu können.

In dieser Vortragsreihe soll der Frage nachgegangen werden, wie es heute um die Anschlussfähigkeit einer kritischen Gesellschaftstheorie an die Psychoanalyse bestellt ist. Können die Kategorien der Psychoanalyse noch erklären, was den vereinzelten Individuen des 21. Jahrhunderts geschieht?

Neben dem generellen Verhältnis von Gesellschaftskritik und Psychoanalyse, soll zunächst die feministische Kritik an Freud diskutiert werden. Zudem wird ein Vortrag dem Verhältnis von Geschlechtlichkeit, Fetischismus und Tod gewidmet sein. Anschließend wird es um die Bedeutung psychoanalytischer Kategorien zur Erklärung von Antisemitismus und um die Relevanz Freud‘scher Thesen zur Massenpsychologie im Hinblick auf Hass gegen Homosexuelle gehen.

 

Eine kritische Einführung in der Psychoanalyse
Johanna Schmidt

02.12.2013, HSZ / E01 / U, 18:30

Die Einwände gegen die Psychoanalyse – die meist schon vorab als widerlegte oder gar lächerliche Theorie abgetan wird – sind vielfältig: So steht sie in der Kritik,deterministisch, individualistisch und anti-feministisch zu sein. Ihr wird vorgeworfen, den Menschen als notwendiges Produkt seiner Kindheitsentwicklung zu verstehen. Sie würde des Weiteren gesellschaftliche Einflüsse auf das Individuum nicht hinreichend mit einbeziehen und könne somit soziale Phänomene nicht erklären. Außerdem konzentriere sich psychoanalytische Theorie nur auf das Männliche und rechtfertige eine Inferiorsetzung von Weiblichkeit.

In dem Vortrag sollen – nach einer kurzen Erläuterung psychoanalytischer Grundannahmen – solche Meinungen und Einwände auf ihre Richtigkeit überprüft und der Frage nachgegangen werden, inwieweit psychoanalytische Theorie für eine Ideologiekritik der modernen Gesellschaft fruchtbar gemacht werden kann. Im Vortrag werden neurotische Zwänge am Beispiel des Waschzwangs sowie familiäre sexuelle Übergriffe thematisiert.

Es besteht somit eine Trigger-Gefahr für Betroffene.

Audio: https://archive.org/details/EinfuhrungInDiePsychoanalyse

Hass auf Vermittlung und Lückenphobie. Zur Aktualität der Psychoanalyse
Christine Kirchhoff
04.12.2013, HSZ / 101 / U, 18:30

Theodor W. Adorno bezeichnete die Psychoanalyse als die einzige Psychologie, „die im Ernst den subjektiven Bedingungen der objektiven Irrationalität nachforscht“. Im Vortrag soll es darum gehen, diese Feststellung zu entfalten und damit auf ihre Voraussetzungen und Konsequenzen zu befragen:

Was heißt hier objektiv? Warum ist die Objektivität irrational? Was wäre demgegenüber rational? Ist Gesellschaftskritik auf Psychoanalyse verwiesen und wenn, warum? Warum ist es überhaupt wichtig, sich auch mit der individuellen Ver- und Bearbeitung gesellschaftlicher Verhältnisse zu befassen? Warum ist die Psychoanalyse – zumindest der Möglichkeit nach – eine kritische Theorie?

Zunächst wird es also mit Rekurs auf Marx und die kritische Theorie v.a. Adornos um die Frage gehen, was unter gesellschaftlicher Objektivität zu verstehen ist.

Ausgehend von diesen Bestimmungen soll es im zweiten Teil des Vortrages um die subjektiven Bedingungen gehen und damit um die Psychoanalyse als kritische Theorie des Subjekts, um das Verhältnis von Natur und Kultur im Menschen, um Sexualität und Triebe, um die Freudsche Metapsychologie und wiederum darum, warum das alles gerade weil es so ungesellschaftlich daher kommt, eine Menge mit Gesellschaftskritik zu tun hat.

 

Psychoanalyse des Antisemiten
Nico Altenhoff

12.12.2013, HSZ / E01 / U, 18:30

Der Antisemitismus ist ein „sozialpsychologisches Phänomen“, welches auf der Deformierung von „Unbewusstem in falsches Bewusstsein“ beruht. Die Haltung des Antisemiten folgt einem zutiefst irrationalen Trend. Mit Hilfe der Psychoanalyse wurde ein Weg geschaffen, den unterbewussten Bereich in der menschlichen Psyche, d.h den Ursprung der Triebe und Leidenschaften, zum Gegenstand der psychologischen Forschung zu erheben. Obschon die Psychoanalyse, insofern sie auf sich selbst verwiesen bleibt, kein vollständiges Verständnis des Antisemitismus beanspruchen kann, ist sie doch unentbehrlich für eine Analyse des antisemitischen Individuums. Im Vortrag wird es darum gehen, die zentralen Thesen verschiedener ausgewählter Schriften zu referieren und diese Überlegungen, welche die Psychoanalyse des Antisemiten zum Gegenstand haben, zu charakterisieren.


Audio: https://archive.org/details/NicoAltenhoff

 

Der Sex-Appeal des Anorganischen. Zum Verhältnis von Fetischismus, Begehren und Vergänglichkeit
Lars Quadfasel

17.12.2013, HSZ / E01 / U

»Le mort saisit le vif«, der Tote packt den Lebenden, heißt es bei Marx im Vorwort zum Kapital. Diese Zeile enthält bereits in nuce, was Marx später als das Geheimnis des Fetischismus entfalten wird: die Verkehrung menschlicher Verhältnisse in ein Verhältnis von Dingen, die Vorherrschaft des unbelebten Produkts über dessen lebendigen Produzenten. Wenn im Kapital daher von der »toten Arbeit«, der vampirischen Gestalt des Kapitals die Rede ist, dann ist das nicht als blumige Rhetorik zu verstehen, sondern als präzise Bestimmung.

Wohl als erster hat Walter Benjamin diesen Gehalt der Kritik der politischen Ökonomie erfasst. Im Passagenwerk schreibt er über die Ware, »sie verkuppelt den lebendigen Leib mit der anorganischen Welt. Der Fetischismus, der dem Sex-Appeal des Anorganischen unterliegt, ist ihr Lebensnerv.« Damit erweitert er den Marx'schen Begriff des Fetischismus um eine sinnliche Dimension, die bei Marx selbst stets nur implizit bleibt – und verweist zugleich auf den Fetisch-Begriff bei Sigmund Freud, welcher gleichfalls, wenn auch mit vollkommen anderem Instrumentarium, die Verdinglichung des Lebendigen beschreibt.

Mit der Psychoanalyse ist immer zugleich auch die Frage nach dem Verhältnis der Geschlechter gesetzt. Nicht zufällig entwickelt Benjamin den Zusammenhang von Ware und Tod am Modellfall der Mode. Waren es in der Vormoderne die Frauen, denen das Skandalon der Sterblichkeit aufgebürdet wurde und die, in Abgrenzung zu der Ewigkeit gestellten patriarchalen Gemeinschaft, die Vergänglichkeit alles Irdischen zur verkörpern hatten, so heute die Waren, die sie auf der Haut tragen: Die ewige Wiederkehr des Neuen inszeniert die Flüchtigkeit – und verleugnet sie zugleich. Dieser Konstellation aus Geschlechtlichkeit, Fetischismus und Tod, aus Moderne und Archaik soll im Zuge des Vortrags nachgegangen werden – nicht zuletzt im Hinblick auf die Frage, wie es den Menschen gelingt, ausgerechnet die von ihnen entfesselten Destruktionskräfte auch noch zu lieben.

 

Massenpsychologie und Homosexualität
Tjark Kunstreich

19.12.2013, HSZ / E01 / U

 

Das regressive Bedürfnis, das wusste schon Freud, führt zur Auflösung der Einzelpersönlichkeit in die Masse: So beschreibt er in Massenpsychologie und Ich-Analyse, „(den) Schwund der bewussten Einzelpersönlichkeit, die Orientierung von Gedanken und Gefühlen nach gleichen Richtungen, die Vorherrschaft der Affektivität und des unbewussten Seelischen, die Tendenz zur unverzüglichen Ausführung auftauchender Absichten“ als seine Bestandteile. Das „Ich-Ideal“ wird nach Freud an den Führer delegiert. Doch die Zeiten haben sich geändert und „die Entwicklung der gegenwärtigen Gesellschaft hat das Freudsche  Modell durch ein soziales Atom ersetzt, dessen seelische Struktur nicht mehr die Qualitäten aufweist, die Freud dem psychoanalytischen Gegenstand zusprach“ (Herbert Marcuse). Was ist mit dem Führer geschehen? Die Massenbewegung gegen die „Ehe für alle“ in Frankreich wollte zurück zu einem Zustand, in dem die Gesellschaft das „Freudsche Modell“ wieder einsetzt – die Verantwortung für die soziale Atomisierung wird jedoch den Homosexuellen und anderen Minderheiten zugeschrieben, die von diesem Prozess profitiert haben. Die scheinbar führerlose Massenbewegung in Frankreich gibt ebenso wie der Homosexuellen-Hass islamisierter Banden Anlass zu der Frage, weshalb für diese scheinbar egalitären Gruppierungen die Befassung mit der Homosexualität von so großer Bedeutung ist.

 

 

Wintersemester 2012/2013

Krise der EU - Krise Europas? Vortragsreihe mit Gerhard Scheit, Karl Pfeifer, Federica Matteoni und Till Grefe vom 21. - 24.1.

 

 


Sommersemester 2012

Lesekreis: "Israel in the Middle East"

 

Das Referat Politische Bildung lädt im Sommersemester 2012 zum Lesekreis "Israel in the Middle East" ein. Der Betreuer des Lesekreises lebte selbst für ein halbes Jahr in Israel, eingeladen sind jedoch alle mit Interesse am Thema. Die Sitzungen finden jeden Dienstag von 16:40 bis 18:10 im Raum SCH/316a/U im Georg-Schumann-Bau auf dem Münchner Platz 3 statt... mehr

 


Frühjahr 2011

Veranstaltungsreihe zum 13. Februar großer Erfolg

 

Wir freuen uns über das starke Interesse der Studierendenschaft an unserer Veranstaltungsreihe zum 13 Februar. Insbesondere zum ersten Termin gab es mit 80 Teilnehmenden enormen Andrang.

Was vor 13 Jahren als spontane Aktion von 40 Nazis begonnen wurde, hat sich in Dresden bis heute zum größten rechten Aufmarsch Europas entwickelt. Tobias vom Antifaschistischen Rechercheteam Dresden skizziert die TeilnehmerInnenzahlen des Trauermarsches über die Jahre. Es sei die Anschlussfähigkeit an das bürgerliche Gedenken, das den 13. Februar für NPD und Kameradschaften so attraktiv gemacht habe. Das rituelle Trauern um die Dresdner Toten kann leicht zum ganzheitlichen Trauern um deutsche Opfer stilisiert werden. Ausgeblendet wird, dass diese deutschen “Opfer“in ihrer großen Mehrheit den Nationalsozialismus unterstützten, denn wer Opfer ist kann ja kein Täter sein.

Im Anschluss stellten zwei Vertreter des Bündnisses Dresden Nazifrei ihr Konzept für den 19. Februar 2011 vor. Wie im Jahr zuvor wurde geplant, den rechten Aufmarsch durch friedliche Massenblockaden zu verhindern. Nach der Veranstaltung gaben die Referenten außerdem für das Campusradio Dresden Interviews.

In der Woche darauf referierte vor ca. 60 Gästen Michael Nattke vom Kulturbüro Sachsen über den Sinn und Unsinn des Extremismusbegriffes. Das Label 'extremistisch' habe sich in den letzten Jahren zum diskursiven Totschläger entwickelt, um unliebsame Meinungen zu diskreditieren. Sowohl aus sozialwissenschaftlicher, politischer als auch empirischer Sicht gelte der Terminus als ungenügend.

Weiterführende Literatur zum Download (PDF, 708KB): Gibt es Extremismus?


Mai 2009

Stauffenberg und der 20. Juli 1944 im deutschen Erinnerungsdiskurs

6. Mai 2009, 19:00 im HSZ Bergstr.46 Raum E01
Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Antifa Hochschulgruppe

Der Vortrag beschäftigt sich mit dem Hitler-Attentäter Stauffenberg und seiner Rolle im deutschen Erinnerungsdiskurs, d.h. mit seiner Glorifizierung als nationalem Held. Stauffenberg wird dabei als aufrechter Deutscher dargestellt, auf den sich als Vorkämpfer der Anti-Hitler-Koalition positiv bezogen werden kann, wobei dessen Vergangenheit im Nationalsozialismus und seine nationalistische, reaktionäre und antisemitische Geisteshaltung unter den Tisch fallen. Durch die Schaffung solcher positiver Bezugspunkte wird der Nation Deutschland wieder zu einer positiven Identität verholfen, die nur durch die bewusste Verdrehung der Geschichte und die Ausblendung individueller Täter_innenschaft möglich ist. Thematisiert werden soll unter anderem die Bedeutung von nationalen Helden und Mythen, die Diskurse, in denen diese auftauchen, und welche Zwecke und Bedeutungen diese haben.

„Allein die Bezeichnung ,Widerstand‘ für die Männer des 20. Juli erscheint mir vermessen. Es handelt sich wohl doch eher um schwankende Opposition. Die Partisanen in Polen und in der Sowjetunion, in Jugoslawien und Frankreich, die Haltung des Hofes und der Nazigegner in Dänemark, der Aufstand im Warschauer Ghetto, der Aufstand in Sobibor, der Widerstand in Auschwitz, Buchenwald und Mauthausen – das sind nur Beispiele für die europäische Geschichte des Widerstands gegen deutsche Besatzung, gegen den Nationalsozialismus und damit – und dies sei zu betonen – gegen die deutsche Wehrmacht, gegen preußisches Soldatentum und deutsche Militärtradition.“

Frank Stern, Wolfsschanze versus Auschwitz. Widerstand als deutsches Alibi?
in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 42 (1994), S. 647.

HINWEIS: Ausgeschlossen von der Veranstaltung sind Personen, die rechtsextremen Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige Menschen verachtende Äusserungen in Erscheinung getreten sind. Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und diesen Personen den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser zu verweisen.


 

Februar 2009

Veranstaltung zum Thema Abschiebehaft

2. Februar 2009, 19:00 im Raum 361 des Gerhart-Potthoff-Baus, Hettnerstr.1/3

“Na dann gute Reise...”

So verabschieden wir uns von Menschen, die ihren wohlverdienten Urlaub antreten, und es ist durchaus ehrlich gemeint. Einen zynischen Beigeschmack erhält dieser Wunsch allerdings spätestens dann, wenn diese Reise nicht freiwillig angetreten wird.
Jährlich sind es fast 10.000 Menschen, die diese unfreiwillige Reise antreten müssen, weil sie aus Deutschland abgeschoben werden. Vorangegangen ist dieser Abschiebung in vielen Fällen eine Abschiebehaft, die bis zu 18
Monaten dauern kann.
Menschen kommen ins Gefängnis, deren einziges “Verbrechen” der Wunsch nach einem besseren Leben ohne Krieg, Armut und Verfolgung ist.

Abschiebeverfahren und insbesondere Abschiebehaft stehen seit Anbeginn in der Kritik von Menschenrechts-organisationen. Vorreiter in Deutschland ist der Verein “Hilfe für Menschen in Abschiebehaft” im westfälischen Büren.
Frank Gockel, ein Aktivist der Bürener Gruppe, wird am Montag, 2. Februar 2009 an der TU Dresden zu Gast sein, um über das in der Öffentlichkeit wenig bekannte Abschiebehaftverfahren zu informieren.
Eingeladen wurde er von der Dresdener Initiative vokü.cartonage, die die Veranstaltung “Na dann gute Reise. Abschiebehaft - ein Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland” in Kooperation mit dem Referat Politische Bildung beim StuRa der TU und der Abschiebungshaft-Kontaktgruppe Dresden bei pax christi organisiert.
Letztere wird über die Situation von in der Dresdner JVA untergebrachten Abschiebehäftlingen und Möglichkeiten der Unterstützung berichten.
Ausserdem werden Filmausschnitte zum Thema zu sehen sein, und es besteht die Möglichkeit zu Nachfragen und Diskussion.

contact zur Initiative vokü.cartonage: vokue_cartonage[at]fastmail.net

HINWEIS: Ausgeschlossen von der Veranstaltung sind Personen, die rechtsextremen Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige Menschen verachtende Äusserungen in Erscheinung getreten sind. Die Veranstaltenden
behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und diesen Personen den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser zu verweisen.


 

Januar 2009

Veranstaltungsreihe zu Erinnerungskultur

in Zusammenarbeit mit dem Vorbereitungskreis 13. Februar 2009

Aus der Geschichte gelernt?
Eine kritische Betrachtung deutscher Erinnerungskultur am Beispiel Dresden.

“Was geschah, geschah. Aber daß es geschah, ist so einfach nicht hinzunehmen.
Ich rebelliere: gegen meine Vergangenheit, gegen die Geschichte, gegen eine Gegenwart, die das Unbegreifliche geschichtlich einfrieren läßt und es damit auf empörende Weise verfälscht.” Jean Amery

Der Versuch, eine deutsche Nationalidentität zu rekonstruieren, bestimmt seit 1945 die öffentliche Debatte in Deutschland. Damit einher ging immer auch die Bestrebung ein unbelastetes Geschichtsbild zu etablieren. Waren es bis in die 90er Jahre die offensiven Ansätze den Schlussstrich unter die Geschichte zu ziehen, ist es seit der Berliner Republik gerade die Anerkennung deutscher Vergangenheit und die eigene Läuterung, aus welcher schamlos politischer Mehrwert gezogen wird - nicht trotz, sondern wegen Auschwitz führe Deutschland wieder Krieg. Denn man habe aus der Geschichte gelernt.

Diese Geschichte, die Schuld, welche anerkannt wird, bleibt jedoch abstrakt und unkonkret. Das Interesse einer gegenwärtigen Geschichtsbetrachtung ist es gerade nicht deutsche Identität mit Täterschaft zu belasten. Stattdessen findet vor allem im institutionalisierten Gedenken eine Einebnung aller Differenzen statt - gedacht wird der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft von gestern und heute. Auch soll der eigenen Leiderfahrungen durch Vertreibung und Bombardierung gedacht werden. Beides vollzieht eine moralische Gleichsetzung von Täter_innen und Opfern durch das Ausblenden von Kausalitäten sowie politischer und historischer Kategorien.
Das jährliche Gedenken in Dresden anlässlich der Bombardierung der Stadt am 13./14. Februar 1945 erscheint in diesem Kontext als ein Beispiel für diese Entwicklungen im Diskurs um Erinnerung und Geschichte.
In vier Abendveranstaltungen werden deshalb zunächst die aktuellen Koordinaten des bundesdeutschen erinnerungskulturellen und geschichtspolitischen Diskurses beleuchtet um daran anknüpfend auf die Gedenkpraxis in Dresden einzugehen.

 

Dienstag 20.01.09 19Uhr im Beyerbau, BEY 81, Bergstrasse, direkt rechts neben dem HSZ
Die Nation der geläuterten Gedenkexpert_innen - Nivellierung, Gleichsetzung und Identitätsbildung im deutschen Erinnerungsdiskurs am Beispiel des neuen Bundesgedenkstättengesetzes
Claudia Krieg, Leipzig

Die kurze kritische Einführung in den deutschen Erinnerungsdiskurs beruht auf der Benennung der zentralen Funktionen und Bedeutungen von Erinnerung. Im Bezug auf das institutionalisierte Gedenken an die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands in der vereinigten BRD und dem darin aufscheinenden Zusammenwirken von Erinnerungskultur und Erinnerungspolitik wird deutlich, wie sich die aktuelle Verfasstheit dieses Gedenkens vor allem durch Strategien der Nutzbarmachung von Geschichte für eine deutsch-nationale Identitätsbildung auszeichnet. Die Herstellung eines positiven kollektiven nationalen Bezugsrahmens und eine “Normalisierung” des Bildes der “deutschen Nation” nach Innen und Außen manifestieren sich unter anderem dort aber auch auf anderen politisch-sozialen nationalen Feldern kollektiver und individueller Rekonstruktion von Erinnerung. Ein positiver Bezug zu einem Kollektiv entsteht dabei über den Ausschluß von Täter_innen und mithilfe der Betonung und Heraushebung des Opferaspekts. Diese Nivellierung des Opfersbegriffs ist wiederum Teil der “Normalisierung”, die mithilfe von weiteren Relativierungen entsteht - in diesem Fall der NS-Verbrechen zugunsten von positiven Konnotationen deutscher Geschichte.

Das im Juni 2008 verabschiedete neue Bundesgedenkstättengesetz der Bundesregierung ist ein exemplarisches Beispiel für begriffliche Verschiebungen im Feld der bundesdeutschen Erinnerungs- und Gedenkstättenpolitik. Hier wird deutlich, wie sich unter dem Eindruck der fortwährenden Festschreibung von Totalitarismus- und Extremismustheorien die Täter-Opfer-Umkehr im Kontext der nationalsozialistischen Verbrechen längst vollzogen hat. Eine Betrachtung der zentralen Aussagen dieses Gesetzes soll überleiten zu einem Ausblick auf zukünftige Entwicklungslinien, anhand derer zum Beispiel Günther Jacob im Bezug auf Gedenkstätten von “nationalen Weihestätten” spricht.

 

Donnerstag 22.01.09 19Uhr im Beyerbau, BEY 81, Bergstrasse, direkt rechts neben dem HSZ
Gedenken in Dresden am Beispiel des 9. November
Gunda Ulbricht, HATiKVA Dresden

Im Gegensatz zum jährlichen Gedenken am 13. Februar ist das Gedenken anlässlich der Novemberpogrome am 9. November 1938 in Dresden weder so stark frequentiert noch Gegenstand intensiver Debatten und Auseinandersetzungen in der Stadt. Daran wird ganz praktisch deutlich, dass zugunsten der Ermöglichung eines positiven kollektiven nationalen Bezugsrahmens die Täter_innenperspektive in den Hintergrund rückt, während die Opferperspektive hervorgehoben wird. Möglich wird dies nicht zuletzt durch ein bis heute vermitteltes Geschichtsbild welches die nationalsozialistische Gesellschaft trennt in “die Nazis” einerseits, welche entweder vollkommen abstrakt bleiben oder sich auf die Führungsclique ala Guido Knopps Hitler´s Helfer beschränken und andererseits in die “normalen Deutschen”.
Um dieser These nachzugehen, beschäftigt sich die Veranstaltung mit dem gesellschaftlichen Diskurs um den 09. November in der DDR und im vereinigten Deutschland. Wie wurde die Reichspogromnacht im Geschichtsunterricht der DDR vermittelt? Welche Auseinandersetzungen und Reflexionen fanden statt? Wurde der Tag als die Tat weniger SA- Leute oder als der gewaltsame Ausbruch vorhandener antisemitischer Ressentiments in der deutschen Bevölkerung behandelt? Wie hat sich das Gedenken an den 09. November im Zuge der Wiedervereinigung verändert? Diese Fragen gilt es in der Veranstaltung zu erörtern.

 

Dienstag 27.01.09 19Uhr im Beyerbau, BEY 81, Bergstrasse, direkt rechts neben dem HSZ
Dresden, 13. Februar - Die erinnerungskulturellen Auseinandersetzungen um Ritual- und Symbolstrukturen aus der AkteurInnenperspektive 
Claudia Jertzak, Dresden

“Hamburg, Dresden and Berlin will be forever trumped by Auschwitz, Sobibor, and Buchenwald.”, schrieb 2002 ein Leser der us-amerikanischen Zeitschrift New Yorker und weist damit auf den Symbolwert der Dresdner Ereignisse hin. Aufzählungen dieser Art bestimmen nicht nur die Außenwahrnehmung des Dresdner Gedenkens, sondern sie bilden ebenfalls ein Element der lokalen Erinnerungskultur. Das Dresdner Gedenken am 13.Februar wird maßgeblich von lokalen Akteur_innen gestaltet, die darin ihre erinnerungskulturellen und geschichtspolitischen Vorstellungen verwirklichen. Die öffentliche Memorialkultur als Teil der Erinnerungskultur bedient sich einer Ritual- und Symbolstruktur, die sich in Folge von Auseinandersetzungen verändert. Dieser Prozess unterliegt seit der Wiedervereinigung 1990 einer größeren Dynamik und ist noch nicht abgeschlossen. Die Auseinandersetzungen kulminieren in der Bestimmung der Sicherungsformen des kulturellen Gedächtnisses.

Der Vortrag erläutert diesen gegenwartsbezogenen funktionalen Gebrauch der Vergangenheit und daraus erwachsende Identitäten anhand der Dresdner Erinnerungskultur zu den Bombardements am 13./14. Februar 1945.
Welches Bild der Stadt im Nationalsozialismus verwenden die AkteurInnen? In welchem Zusammenhang stehen Versöhnungs-Topos und internationale Beziehungen? Dresden wird in eine epochenübergreifende Reihe von Stätten militärischer Zerstörung und Massenmordes mit je hohem Symbolwert gestellt. Wie nutzen die Akteur_innen diese architektonischen und medialen Deutungsversuche des historischen Ereignisses hinsichtlich des Bildes einer europäischen bzw. internationalen Opfergemeinschaft? Welche Rolle spielen Zeitzeug_innen?

 

Donnerstag 29.01.09 19Uhr im Beyerbau, BEY 81, Bergstrasse, direkt rechts neben dem HSZ
Erinnerung und deutsche Geschichte in der medialen Verarbeitung -
Die neuen deutschen Histotainment-Event-Movies

Antonia Schmidt, Wuppertal

Die Fokussierung auf Deutsche Opfer im Erinnerungsdiskurs der vergangenen Jahre wurde nun auch medial umgesetzt. “Historien-Filme” wie “Dresden”, “Die Flucht” oder “Gustloff” brachten die Kollektivsymbole deutschen Leidens für ein Millionenpublikum auf die Mattscheiben. Diese ‘event-movie´s’ verbinden Fiktion und Fakten, erzeugen so ein von der Realität abweichendes Geschichtsbild, welches jedoch aufgrund der Aufmachung volle Authentizität für sich in Anspruch nimmt. Sie offerieren ein Identifikationsangebot, welches ganz im Einklang mit dem Bedürfnis nach ungebrochener deutscher Identität, Unschuld und Leiden statt der Auseinandersetzung mit deutscher Schuld enthält. Damit sind diese Filme sowohl Ausdruck als auch Teil einer Transformation von Erinnerung.

Besonders das Melodram “Dresden” ist symptomatisch für das Verhältnis des ,wiedervereinigten’ Deutschlands zur NS-Vergangenheit: Die Täterschaft Deutscher wird zwar durchaus thematisiert, Identifikationsangebot ist gleichwohl der Opferstatus. Gleichzeitig repräsentiert Dresden ein religiöses Verständnis von Schuld, die abgelöst vom Tatzusammenhang durch Buße abgeglichen werden kann. Entpolitisiert und enthistorisiert, ist das Identitätsangebot universal: der seinem Schicksal wie einem Naturereignis ausgelieferte Gute Mensch, an dessen situativen Entscheidungen sich sein Schuldigsein misst. Zentraler Mechanismus bei der Konstruktion dieses universalisierten Opferbegriffs ist die Trennung von dessen Konstitutionsbedingungen. Zur Bebilderung deutschen Leidens wird in Dresden neben der Ikonografie der Passionsgeschichte vor allem das kulturelle Bilderrepertoire von Holocaustrepräsentationen verwendet.

Der Vortrag analysiert die inhaltlichen und formalen Mittel, mit denen diese Viktimisierung filmisch umgesetzt wird und arbeitet anhand der Histotainment-Event-Movies die Mechanismen der Neuinterpretation deutscher Geschichte heraus.

Alle Veranstaltungen mit freundlicher Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung 

Vorderseite Flyer


 

November|Dezember 2006

Mensatalk

Das Referat Politische Bildung wird im Wintersemester ´06 erstmals gemeinsam mit dem Studentenwerk den Mensatalk veranstalten. Wir werden die Gäste und Moderator_innen einladen.
Veranstaltungsort und Zeit bleibt gleich; Mensa Bergstraße und 13.00 Uhr.


„TU Dresden – 178 Jahre Männlichkeit“

Mensatalk am Mittwoch 01. November´06

Zu Gast ist Dr. Hildegard Küllchen, Frauenbeauftragte der TU Dresden. Die Moderation übernimmt Sabine Friedel, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Politische Systeme und Systemvergleich der TU Dresden.

Vorderseite Flyer

Ankündigung im Spiegelei
Neues vom Mensa Talk

Zu Beginn des Wintersemester 2006 wird es in der Veranstaltungsreihe Mensa Talk eine Veränderung geben. Das Referat Politische Bildung des TU-Studentenrates tritt jetzt neben dem Studentenwerk Dresden als Mitveranstalter auf und lädt die Gäste und die dazu passenden, kenntnisreichen Moderatoren ein. Unverändert bleibt es beim Veranstaltungsort Mensa Bergstraße und bei der Uhrzeit 13.00 Uhr. Erstmals findet der „renovierte“ Mensa Talk am Mittwoch, den 01.November, statt. Der Titel lautet „TU Dresden – 178 Jahre Männlichkeit“.

Zu Gast ist Dr. Hildegard Küllchen, Frauenbeauftragte der TU Dresden. Die Moderation übernimmt Sabine Friedel, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Politische Systeme und Systemvergleich der TU Dresden. Es sind durchaus provokante Fragen, die bei diesem Gespräch eine Rolle spielen sollen: Ist eine Frauenbeauftragte in Zeiten leerer Kassen überhaupt noch tragbar? Welche konkreten Probleme kann eine Frauenbeauftragte lösen, wird sie übergangen, blockiert, ernst genommen, etc. Zwei weitere MENSA TALK-Termine gibt es im Dezember (06.12.) und im Januar 2007 (17.01.) Themen und Gäste hierfür werden im nächsten Spiegel-Ei veröffentlicht.
Anja Buch

Bericht von der Seite des Studentenwerk
01.11.2006: MENSA TALK - Bekanntes Format in neuem Gewand

 

ALLES AUF DIE BARRIKADEN!
Protestformen gegen Studiengebühren

Mensatalk am Mittwoch 06. Dezember´06

Zu Gast sind Vertreter_innen der Vollversammlung und des autonomen Seminars.
Die Moderation übernimmt Eric Seidel, Geschäftsführer für Hochschulpolitik im Stura der TuD.


 

Mai|Juni 2006

Veranstaltungsreihe mit UNIRATIO

Eine Vortragsreihe des Referats Politische Bildung und UNIRATIO

“Im Herzen angekommen - Strategien und Konzepte der extremen Rechten in Sachsen und Interventionsansätze”

 

Mittwoch_24.Mai 06_18.30 Uhr_Hörsaalzentrum, Bergstrasse HSZ/204
Die Sächsische Schweiz - „brown is beautiful“
Referent_innen: Petra Schickert (Kulturbüro Sachsen - MBT), Steffen Richter (AKuBIZ e.V.)

Zwischen Dresden und Tschechien liegt der Landkreis Sächsische Schweiz mit seinen rund 150.000 Einwohner_innen. Von den etwa 70.000, die zur Landtagswahl 2004 wählen gingen, wählte jede_r 10. die NPD. In einigen Gemeinden erhielt die Partei sogar über 20%. Wie kommt es aber, dass vor allem in dieser Region die NPD so integriert ist? Selbst das Wissen über den NPD-Landtagsabgeordneten (Sächsische Schweiz) Uwe Leichesenring, der eine gute Zusammenarbeit mit militanten Neonazis pflegt, beunruhigt seine Wähler_innen nicht.

Das die NPD nicht der einzige nazistische Magnet ist, zeigt die Liste der Organisationen, die schon in der Sächsischen Schweiz aktiv waren. Diese reicht von der verbotenen „Wiking Jugend“ über die verbotenen „Skinheads Sächsische Schweiz“, bis hin zur „Copitzfront“.Da sich scheinbar vor allem Jugendliche für die rassistische Ideologie interessieren, stellt sich die Frage, wie schwierig der Versuch ist, „Alternative Jugendarbeit“ zu leisten. Nicht nur auf Grund der starken Nazisszene gibt es da Probleme, sondern auch, weil es immer wieder schwer ist in Städten, Gemeinden und Kreis eine Sensibilisierung zu erreichen. Und dies liegt nicht nur an an den Parlamentarieren der NPD…

 

Mittwoch_31.Mai 06_18.30 Uhr_Hörsaalzentrum, Bergstrasse HSZ/204
Heute Dresden - Morgen Deutschland?
Referent_innen: Internetprojekt nip.systemli.org, Johannes Lichdi (MdL)

Im September 2004 standen lachende Neonazis auf der Bühne im sächsischen Landtag und schwenkten gemeinsam eine NPD-Fahne. 190 909 Wähler_innen (9,2 %) hatten der neonazistischen Partei ihre Stimme gegeben. Mit plumpen Parolen wie „Grenzen dicht!“ oder „Schnauze voll!“ gelang es der Neonazi-Partei erstmals seit 1968 wieder in ein Landesparlament einzuziehen. 12 Abgeordnete gehörten anfangs der NPD-Fraktion an. Auch wenn seitdem die Fraktionsgrösse mehrmals überraschend wechselte, kann die NPD auf 1 1/2 Jahre parlamentarische Arbeit zurückblicken. Wie haben sie im Landtag mitgewirkt? NiP nimmt die Protagonist_innen der Fraktion und den Mitarbeiter_innen-Stab unter die Lupe. Neben der ausserparlamentarischen Zusammenarbeit mit den Neonazis der Skinheads Sächsische Schweiz (SSS) und der Freien Kräfte Sachsen werden Themenwahl und -verteilung, die Präsentation im Plenum und die Ausschussarbeit analysiert.

Wie wirkt sich die Anwesenheit der NPD auf die Neonaziszene und ihr WählerInenpotential aus? Derzeit tauchen NPD-Kandidat_innen aus Mecklenburg-Vorpommern auf, die als Praktikant_innen einen Einblick in die Strategien neonazistischer Parlamentsarbeit gewinnen wollen. Und nicht nur für bevorstehende Lantags- und Kommunalwahlen gilt: Wenn keine permanente kritische Auseinandersetzung mit ihren Inhalten stattfindet, besteht die Gefahr, dass das von der NPD vertretene neonazistische Gedankengut in der Gesellschaft verfestigt.NiP ist ein Internetprojekt, dass es sich im Vorfeld der Landtagswahlen 2004 zum Ziel gesetzt hat, die parlamentarische Arbeit der Neionazis kritisch zu dokumentieren. Zusammen mit dem Grünen-Land- tagsabgeordneten Johannes Lichdi wird das Vorgehen der NPD analysiert.

 

Mittwoch_14.Juni 06_18.30 Uhr_Hörsaalzentrum, Bergstrasse HSZ/204
Neonazistische Jugendkultur in Sachsen
Referent_innen vom a.l.i.a.s. (antifascism | literature | information | archiv | stuff)

Zeig mir was du trägst - ich sag dir wie du denkst? Ganz so einfach scheint diese Gleichung nicht mehr aufzugehen, zumindest nicht was Neonazis angeht. Die Springerstiefel tragende Spiegelglatze taugt nur noch als gängiges Klischeebild, hat mit einer jugendkulturellen Realität aber nichts mehr gemein. Hatecorer mit Piercings, Tattoos und Spitzbärten, Hooligans im pastellfarbenen Lacoste- Poloshirt, “Autonome Nationalisten” mit schwarzem Windbreaker, Sonnenbrille und Basecap, oder junge Menschen im ganz “normalen” Outfit - zu erkennen sind neonazisitische Jugendliche dann nur noch an den dezent getragenen Codes und Symbolen, in Form von Buttons, T-shirts oder Klamottenmarken.

Ohne dabei in Widerspruch zu geraten, vereinen Neonazis ihr Weltbild mit ihrer jeweiligen Alltagskultur. Nicht der Style ist entscheidend für die Szene, sondern die Ideologie. Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus sind die ideologische Klammer für eine sich dynamisch entwickelnde und immer weiter ausdifferenzierenden neonazistischen Jugendkultur. Diese Entwicklung macht sich aber nicht nur an Äußerlichkeiten fest, sondern betrifft auch die Inhalte. So ergänzen Themen wie Kapitalismus, Globalisierung oder Umweltschutz das klassische rechte Repertoire um gesellschaftliche Diskurse, die für viele Jugendliche anschlussfähig sind.

Einen Überblick zu aktuellen stilistischen und thematischen Entwicklungen in der Neonaziszene sowie eine Einschätzung, wie es zu diesen Entwicklungen kam und wohin diese führen könnten, will die Veranstaltung am Beispiel von Sachsen geben. Wie wirken sich diese auf Jugendkulturen aus? Gibt es einen rechten Mainstream? Welche Möglichkeiten gibt es, einem solchen Mainstream unter Jugendlichen in Sachsen zu begegnen? Diesen Fragen soll sowohl im Vortrag als auch in der anschließenden Diskussion auf den Grund gegangen werden.