Die Selbstverständigung der Revoltierenden - Marx und die 68er (G. Stapelfeldt)

Vortrag im AZ Conni Dresden, 11. Dezember 2018, 20:00 bis 22:00 Uhr

Veranstaltung vom Referat für politische Bildung

Der äußere Anlaß des Vortrags ist das Zusammentreffen zweier Tage uto­pisch gerichteter Erinnerung: Am 5. Mai 2018 wurde der 200. Geburtstag von Karl Marx gefeiert, 2018 wird auch an die Studenten- und Jugendrevolte vor 50 Jahren erinnert. Weil die Protestierenden von 1968 ihr Selbstverständ­nis wesentlich durch die Rezeption der Werke von Marx geklärt haben, ist der äußere Zusammenhang jener Tage auch ein innerer. Im Vortrag werden deshalb die Schwierigkeiten der Marx-Rezeption um 1968 und der Verfall Marx-Lektüre zu einer Philologie im gesellschaftlichen und ökonomischen Kontext der BRD skizziert.

Die Revolte von 1968 konnte nur entstehen im Kontext einer allgemeinen Systemkrise von bürgerlicher Gesellschaft und Ökonomie, die von den USA und Lateinamerika bis Westeuropa und Asien reichte. – In der BRD brach in der Krise von 1966/67 die Identität der Westdeutschen auf. Diese hatte sich nach 1945 paradox zugleich in der Kontinuität zum Nationalsozialismus und im Bruch mit der Barbarei gebildet: Verdrängung des Nationalsozialismus; Stolz auf das durch masochistische Arbeit erreichte ‚Wirtschaftwunder’; An­tikommunismus; äußerliche Identifikation mit der Kultur und der politischen Ordnung der Siegermacht USA. – Durch das Aufbrechen der kollektiven Identität der BRD konnte der Nationalsozialismus erstmals erinnert werden (Frankfurter Auschwitz-Prozesse), die Marktwirtschaft als Kapitalismus be­griffen und die masochistische Arbeit als Triebunterdrückung aufgeklärt wer­den; der Antikommunismus erodierte durch die ‚Neue Ostpolitik’ der Bun­desregierung; die USA büßten ihre Vorbildfunktion ein durch die Militärin­terventionen von Cuba bis Brasilien. – Die Studierenden konnten diese Krise begreifen durch Rezeption der Werke von Marx (politische Ökonomie; Kom­munismus), der kritischen Theoretiker um M. Horkheimer (Nationalsozialis­mus), Freud (Triebunterdrückung; Autoritarismus) sowie R. Luxemburg und Lenin (Imperialismus).

Nun standen die klassischen Werke der Gesellschaftstheorie 1968 überwie­gend nicht zur Verfügung, oder sie waren schwer zugänglich. Es gab auch kaum Lehrende, die kundig über diese Werke sprechen konnten. Also mußte alles, was durch den Nationalsozialismus und den Stalinismus liquidiert schien, erst neu publiziert und dann langsam studiert werden, durch Textexe­gese. Unmittelbar auf die bestehenden Verhältnisse ließen sich jene Theorien nicht ‚anwenden’.

Als die Revolte von 1968 unterging und an ihre Stelle die Neuen Sozialen Bewegungen traten, wendete sich das praktische Interesse von der Kritik der politischen Ökonomie ab und der Kritik der instrumentellen Rationalität zu. Mit dem Beginn der Implementierung neoliberaler Strukturen des gesell­schaftlichen Irrationalismus treten kritische Theorie und kritische Praxis vol­lends auseinander: die Rezeption der Lehre von Marx erstarrt in einer un­historischen Marx-Exegese, die Bewegung der Globalisierungskritiker wen­det sich allenfalls an begriffslose Kapitalismus-Beschreibungen wie die von N. Klein. So steht auf der eine Seite eine kritische Theorie, die durch den Verfall praktischer Gesellschaftskritik fetischisiert wird, und andererseits eine Praxis, die dem Bestehenden umso mehr verfällt, je weniger dies aufge­klärt wird.

Im Interesse weltverändernder Praxis besteht die Aufgabe darin, diesen Ver­fall theoretischer und praktischer Kritik aus der Ordnung der Neuen Freiheit aufzuklären – nicht durch Anwendung der Lehre von Marx auf veränderte Umstände, sondern durch Ausarbeitung der Marx’schen Kritik der politi­schen Ökonomie zu einer Kritik der politischen Ökonomie des staatsinter­ventionistischen und des neoliberalen Kapitalismus.

 

G. Stapelfeldt lehrte bis 2009 als Soziologie-Professor an der Uni Hamburg. Seitdem arbeitet er als freier Schriftsteller in Hamburg.