Vergangene Veranstaltungen
Narzissmus und Selbstaufgabe im Bildungsprozess
Verfügen, Mitreden, Bescheidwissen, Dazugehören
- Referent: Enrico Pfau
- Datum: 28. April 2026
- Zeit: 19 Uhr
- Ort: HSZ/E05/U
Es mag verwundern, dass sich besonders an Universitäten, den höchsten Bildungsinstitutionen einer Gesellschaft, ein gewisses Unbehagen über Bildung breit macht. Einerseits bewegt sich diese Ahnung zwischen den schon bekannten Gegensatz der Nützlichkeit und Nutzlosigkeit der Bildung und andererseits gerät Aufklärung immer mehr in Verdacht, nur ein westliches, imperialistisches Projekt gewesen zu sein. Das ist nicht nur ein äußerlicher Angriff. Der große aufklärerische Traum, dass Bildung das Individuum erhebt, Menschheit verwirklicht, ist jäh zerbrochen, als sie die nationalsozialistische Barbarei nicht behindern konnte, ja sie sogar gefördert hat. Auch heute scheint Bildung bestehende Ressentiments nicht zu stürzen, sondern nur zu verfeinern, ihnen eine gesellschaftlich anerkannte Form zu geben oder sich weihevoll als rebellisch zu inszenieren. Sowohl bei einer immer mehr anwachsenden wissenschaftlichen Apparatur als auch beim davon ununterscheidbar gewordenen politischen Aktivismus wird vom Individuum eine Opferbereitschaft abverlangt, die das Ideal der Bildung zu verwirklichen scheint und zugleich zerstört. Zusammenhangslose Studieninhalte, Bulimie-Lernen, KI, Drittmittelabhängigkeit und Dauermobilisierung zeugen davon. Es drängt sich auf: Was hat solche Bildung mit mir zu tun? Und wer bin ich, dass sich mir diese Frage so aufdrängt, sodass ich entweder die Ratlosigkeit oder die zu offensichtliche Antwort verdrängen muss, um weiter funktionieren zu können? Die kritische Theorie hat diesen Verfall von moderner Bildung, der immer schon in ihr angelegt war, mit dem Begriff der Halbbildung zu fassen versucht. Im Vortag und der Diskussion wollen wir diesen Begriff und seine Beziehung zur gegenwärtigen Gesellschaft rekonstruieren.
„Das Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht die Vorstufe der Bildung sondern ihr Todfeind: Bildungselemente, die ins Bewußtsein geraten, ohne in dessen Kontinuität eingeschmolzen zu werden, verwandeln sich in böse Giftstoffe, tendenziell in Aberglauben, selbst wenn sie an sich den Aberglauben kritisieren“
(Adorno, Theorie der Halbbildung)
Die Kritische Theorie des Karl Heinz Haag
Zum Begriff der Natur, der Ökologie, der beschädigten Subjektivität:
- Referent: Peter Kern
- Datum: 05.11.2025
- Zeit: 19 Uhr
- Ort: Disputhek; Leipziger Str. 84 01127 Dresden
Vortrag behandelt den Begriff der Naturwissenschaft, wie er für die Kritische Theorie schulbildend war. Adorno und Horkheimer sahen sie eingepasst in die von ihnen beschriebene, verhängnisvolle Dialektik der Aufklärung. Karl Heinz Haag untersucht die Methodik der physikalischen Wissenschaften und sein Begriff ist präziser. Im Labor und unter dem Experiment wird Natur zu einer von Masse, Ausdehnung, Geschwindigkeit und Energie bestimmten Größe. Dass dies die ganze Natur sei, folgt nicht aus den Lehrsätzen der Physik oder der Chemie, sondern aus denen der modernen, nachmetaphysischen Philosophien. Für diese gilt unumstößlich: Um Naturprozesse zu begreifen, reichen die Naturgesetze völlig aus. Haags an Kants Vernunftkritik anschließende erkenntnistheoretische Reflexion fördert dagegen hervor: Damit ein Organismus entsteht, sind zueinander passende Stoffe und Gesetze verlangt, aber diese Koordination bewirken die materiellen Stoffe und die beteiligten Naturgesetze nicht aus sich selbst. Sie unterliegen einer Zwecksetzung, einem organisierenden Telos, sonst wäre die lebendige Natur bloß die Summe ihrer Teile. Naturprozesse haben ihren verursachenden Grund in einer naturwissenschaftlich nicht fixierbaren Dimension. Diese Dimension auszublenden, Natur positivistisch, wesenlos zu denken, ist irrational. Das systemtheoretische Paradigma der selbstreferentiellen Natur, das im Zufall die Verursachung komplexer Systeme sieht, ist die ideengeschichtlich letzte Ausprägung dieser Irrationalität. Haags Beitrag zur Kritischen Theorie formuliert den völligen Widerspruch zu den heute vorherrschenden nachmetaphysischen Philosophien. Deren Axiom von der wesenlosen Natur steht am Anfang der bürgerlichen Weltauffassung. Der Glaubenssatz entzieht der Kritik, was für die ökologischen Katastrophen der Gegenwart ursächlich ist: Die ins Maßlose gesteigerte Naturbeherrschung. Auch die Menschen gelten diesem Positivismus für wesenlos – die kommode Anthropologie der kapitalistischen Gesellschaft. In ihr erfährt Individualität ihre große Feier, aber die vereinzelten, in Konkurrenz zueinander gestellten Subjekte sind in Wahrheit völlig depotenziert. Haag: „In einer wesenlosen Welt nehmen die wesenlosen Subjekte sich selber für ihren eigenen Sinn.“ Ihr Vermögen zu Mitgefühl und solidarischem Handeln ist geschwächt. Letzter Punkt des Vortrags: Wer war überhaupt Karl Heinz Haag? Der Kritischen Theoretiker wird als ein Mentor der Emanzipationsbewegung in den westdeutschen, späten 60er Jahren vorgestellt. Das Referat will ihn und diese Bewegung der Vergessenheit entreißen.